Wunderding-Letter No. 6

Wiedersehen in Asilomar, das Verschwinden der Mittelschicht, Roboter-Bienen und ein Quiz

Von Alexander Schlichter und Sarah Houben

Alexander Schlichter

14. Februar 2017

Der Wunderding-Letter dieser Woche beginnt mit einem Treffen, das vielleicht mal in die Geschichtsbücher eingehen wird. Anfang Januar 2017 trafen sich über 100 führende AI Forscher, Gründer und Unternehmer, um über die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz zu diskutieren. 42 Jahre zuvor hatten sich am selben Ort Biologen, Juristen und Mediziner zur legendären Asilomar-Konferenz getroffen, um Richtlinien für den Gebrauch von rekombinanter DNA zu erarbeiten.

AI (Robotik, Self-Driving Cars, Drohnen etc.)

Ergebnis der Asilomar-AI-Konferenz sind 23 Prinzipien, zu denen sich AI-Wissenschaftler verpflichten können (bis Mitte Februar haben das 1051 AI/Robotik-Forscher und 1907 weitere Menschen gemacht). Trotz der großen Zustimmung kann natürlich noch niemand abschätzen, ob diese Verpflichtungen ähnlich wichtig werden für die AI-Forschung wie die 1975 erarbeiteten Richtlinien für das Gebiet der Gentechnik. Und sehr spannend ist, welche Gefahren, die sich aus der Künstlichen Intelligenz ergeben können, die Forscher am größten einschätzen:

Nicht ein übermächtiges Computerprogramm (wie Skynet aus Terminator) ist laut führenden Forschern die größte Gefahr, die von AI ausgeht. Es sind die gesellschaftlichen Umwälzungen, die das Verschwinden ganzer Berufsgruppen mit sich bringen wird. Der ungelernte LKW-Fahrer, der seinen Job an den selbstfahrenden LKW verliert, ist nur der Anfang. Folgen werden auch Banker, da Software Portfolios besser zusammenstellen kann, Ärzte, weil ein Programm sehr viel schneller zum Beispiel Hautkrebs erkennen kann oder auch Journalisten, da es AI-Software gibt, die automatisch Börsen- oder Sportnachrichten schreibt. Auch diese Mittel-Oberschicht-Jobs werden eines Tages verschwinden oder sich grundlegend durch AI wandeln. Und was dann?
Quelle: Wired / Autor: Cade Metz

Eine für zwei Jahre vergessene Gel-Probe, deren Affinität Staub anzuziehen und der unbedingte Wille etwas gegen das Bienensterbens zu unternehmen, brachten den Chemiker Eijiro Miyako auf die Idee, bestäubende Bienen-Drohnen zu erfinden.
Die entwickelten Drohnen sind 42 mm breit, wiegen 14,8 g und sind mit Pferdehaar – dem Träger des Pollen-anziehenden Gels – bedeckt. Noch bewegen sie sich etwas ungeschickt und müssen händisch mit einer Funkfernbedienung zu ihren Bestäubungsobjekten gelenkt werden. Doch Miyako ist zuversichtlich, dass mit der Hilfe von GPS, hochauflösenden Kameras und vor allem AI die Drohnen eines Tages als effektive Bestäubungswerkzeuge in der Landwirtschaft eingesetzt werden können.

Und wenn ich bedenke, wie groß ein Computer vor kurzer Zeit noch sein musste und wie viel kleiner und wie viel leistungsfähiger sie heutzutage sind, wage ich zu hoffen, dass es eine realistische Hoffnung für die kleine Robo-Biene gibt. Aber aus der Sicht des Ökologen wäre es natürlich am besten, wenn wir nie wirklich auf die Hilfe solcher Roboter-Insekten angewiesen wären.
Quelle: WIRED / Autor: Liat Clark

Link:
Eijiro Miyako / National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST)
Paper zu den "Artificial Pollinators" auf Chem

Weiterlesen:
WIRED / Autor: Ian Steadman
Live-Science / Autor: Edd Gent
The Verge / Autor: Alessandra Potenza

Genome Editing (CRISPR und mehr)

3 Milliarden US-Dollar an Staatsgeldern für die Stammzellforschung in Kalifornien, 10 Jahre Arbeit und was ist dabei herausgekommen? Nicht viel, wenn man sich die hochgesteckten Ziele wie Therapien für Parkinson oder ALS anschaut. Das waren die marktschreierischen Versprechungen, die halfen, dass 2014 die Kalifornier in einer Abstimmung für das Forschungsvorhaben stimmten. Jetzt wird Bilanz gezogen. Kritik entzündet sich an dem California Institute for Regenerative Medicine (CIRM), welches zur Umsetzung der Forschungsgelder gegründet wurde. Experimentelle Therapien wurden erst sehr spät in klinische Studien überführt – nur 2 klinische Studien wurden tatsächlich abgeschlossen. 2,2 Milliarden Dollar der Fördermittel sind in Grundlagenforschung und dem Bau von Laboren an staatlichen und privaten Universitäten gesteckt worden.

Andererseits haben CIRM-geförderte Wissenschaftler über 2.000 Publikationen herausgebracht und wenn man bedankt, dass die Grundlagen für die Stammzellenforschung zur Gründungszeit des CIRM fast erst noch gelegt werden musste, ist ein Fortschritt in der Forschung schon sichtbar aber halt nicht versprochenen Therapien.

Das CIRM plant nun ein "CIRM 2.0", welches die klinischen Studien deutlich beschleunigen soll, ehe die Fördermittel auslaufen – auch in der Hoffnung, die Steuerzahler doch noch davon zu überzeugen ihnen bald eine neue Fördermittelinfusion zuzusprechen.

Quelle: Stat News / Autor: Charles Piller

Link:
CIRM / California Institute for Regenerative Medicine
Embryo.asu.edu Proposition 71 / Autor: Ceara O’Brien

VR/AR

Helft mir Obi Wan Kenobi! Ihr seid meine letzte Hoffnung! Das berühmteste Hologramm ist nun fast 40 Jahre alt und 8i ist das VR-Startup, das nun endlich das Hologramm für alle rausbringen will, nicht nur für Jedi-Ritter und Prinzessinen. Dafür braucht man dann nicht R2-D2 oder eine umständliche VR- oder AR-Brille, sondern nichts weiter als ein Mobiltelefon. Damit das auch bald richtig funktioniert, hat das Startup gestern den Abschluss einer Series B-Finanzierungsrunde in Höhe von 27 Millionen Dollar bekannt gegeben. Aus deutscher Sicht spannend: mit dabei Carsten Maschmeyer. In der Höhle der Löwen hält er sich ja meistens mit der Formulierung "Da kenn ich mich nicht mit aus und kann Ihnen leider nicht weiterhelfen und bin deshalb draußen." Mit AR scheint er sich hoffentlich auszukennen.
Quelle: The Verge / Autorin: Lauren Goode

Warum es so schwer ist, Menschen für VR-Brillen zu begeistern, was für den Durchbruch fehlt und wie lange es dauern wird, bis Facebook mit Occulus tatsächlich Geld verdient.
Quelle: MIT Technology Review / Autorin: Rachel Metz

Und zum Schluss ein Quiz:

Wie steht es um Ihr Grundwissen zur DNA? Ein kurzes Quiz mit den Grundfakten zu DNA und wie sie unser Leben beeinflusst. Als wir vorhin die Quiz-Fragen beantwortet haben, waren wir froh, dass Sarahs letzte Genetik-Vorlesungen noch nicht so lange her waren, sonst hätten uns die Zahlen-Fragen wahrscheinlich recht kalt erwischt! Wie haben Sie angeschnitten?
Quelle: Stat-News / Autor: Carl Zimmer

Link:
inc (Interview mit Helix-CEO Robert Thurston) / Autor: Jeff Haden

Alexander Schlichter ist Biologe, Wissenschaftsjournalist und Gründer des Wunderding-Magazins. Seit mehr als 16 Jahren macht er Filme, Fotos und interaktive Inhalte zu allen Themen, die ihn faszinieren und begeistern..

Sarah Houben ist Biologin und Übersetzerin und wagt sich nun in die Welt des Wissenschaftsjournalismus. Nach einem BSc-Studium der Biowissenschaften hat sie nun ihren MSc in Biologischer Photographie und Film abgeschlossen.