Wunderding-Letter No. 5

Kühe ohne Antibiotika, ein fliegender Fledermaus-Kopter, Niederlage beim Poker und der DNA-Appstore

Von Alexander Schlichter und Sarah Houben

Alexander Schlichter

07. Februar 2017

Ausgabe 5 des Wunderding-Letters ist fertig und ab sofort wollen wir uns auf drei Bereiche konzentrieren. Zwei lassen sich mit jeweils zwei Buchstaben benennen: AI und VR. Im dritten Bereich, auf den wir uns konzentrieren wollen, steckt auch eine Abkürzung, deren sechs Buchstaben in den letzten beiden Jahren eine unglaubliche Faszination und einen Hype ausgelöst haben: CRISPR. Aber dieser Bereich ist mehr als CRISPR, er soll das gesamte Spektrum des Genome Editing behandeln. Im Moment fehlt mir allerdings eine bessere, griffigere Abkürzung, die zusammenfasst, was da auf uns zukommt. Die Intelligenz wird artificial, die Realität virtuell, doch für das, was uns CRISPR etc. bringen werden, haben wir noch keinen, neuen, richtig guten Begriff. Wer einen hat, bitte melden, er/sie bekommt ein Geschenk von mir. Versprochen! Wir denken auch weiter drüber nach. Solange bleiben wir bei Genome Editing.

Aber warum gerade diese drei Felder: AI, VR und Genome Editing? Es gibt doch noch andere, ebenso spannende Wissenschaftsfelder und auf den ersten Blick haben die drei nicht unbedingt etwas gemeinsam.

Nun, die Erklärung für unsere Konzentration hat einen Grund: Wir glauben, dass genau diese drei Wissenschaftsfelder unser Leben in einer noch nie dagewesene Dimension verändern werden, denn sie berühren die Grundfesten unserer menschlichen Existenz: Unser biologisches, intellektuelles und soziales ICH wird durch AI, VR und Genome Editing in den nächsten Jahren in vielen Teilen neu definiert. Und diese Entwicklung wollen wir mit unserem Wunderding-Letter begleiten und auch besonders die Querverbindungen aufzeigen.

Jetzt aber genug der Vorrede. Hier unsere Empfehlungen der Woche:

AI

"Maschinen, die ein wenig wie wir Menschen lernen". Diese AI-Programme brauchen dafür ein paar Daten und testen damit Hypothesen in kurzer Zeit. “Bayesian Method” nennt man diese Methode in der AI Forschung, die immer mehr Beachtung findet, weil sie Dinge kann, die andere Verfahren nicht können. Denn diese Methode funktioniert anders als die neuronalen Netzwerke des Deep Learnings, die bis jetzt die meiste Aufmerksamkeit in dem gesamten AI-Hype bekommen haben. Und wer tiefer in die Thematik einsteigen will, trifft bald auf einen alten deutschen Wissenschaftler: Carl Friedrich Gauß (1777-1855). Ja genau, der mit der Gaußschen Glockenkurve, die einem irgendwo bestimmt schon mal begegnet ist. Denn bei dieser “Bayesian Method” spielen Zufallsprozesse aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung eine Rolle. Die Grundlagen, mit denen heute dieser Bereich der Künstlichen Intelligenz programmiert wird, hat also genau “unser” Gauß gelegt. Die Startups und Wissenschaftler, die im Artikel erwähnt werden und die diesen AI-Ansatz nutzen, stammen jedoch nicht aus Deutschland.
Quelle: WIRED-Artikel / Autor: Cade Metz

Weiterlesen:
Gamalon / AI Startup / Webseite mit TEDx Boston Talk des CEO, Ben Vigoda
Prowler / AI Startup
Zoubin Ghahramani / Professor of Information Engineering Department of Engineering / University of Cambridge / Co-Director UBER Ai Labs
Ryan Prescott Adams / Associate School of Engineering and Applied Sciences Harvard University / AI Lab Twitter

Und noch eine AI-Geschichte, bei der auch die neuronalen Netzwerke nicht die Hauptrolle spielen, sondern ein Ansatz, der Reinforcement Learning (auf deutsch: Bestärkendes Lernen) heißt:

Das AI-Programm “Libratus” hat drei Profi-Poker Spieler geschlagen. Eine weitere herbe Schlappe für uns Menschen, nachdem das AI-Programm AlphaGo letztes Jahr im März in einem schon jetzt legendären Wettkampf einen der weltbesten Go-Spieler, Lee Sedol, bezwang. Bei dem Wettkampf kamen gleich drei verschiedene AI-Programme zum Einsatz. Das erste lernte Poker von Grund auf. Seine Programmierer hatten ihm anfangs nur eine Beschreibung des Poker-Spiels gegeben. Dann ein zweites, das das Spiel des ersten Programms während der Poker-Partien analysierte und dem ersten beim Gewinnen half. Und – jetzt wird es gemein für uns Menschen – ein drittes Programm, das jede Nacht zwischen den Poker-Partien lief, um Muster aus dem ersten Programm zu entfernen, die es den menschlichen Spielern ermöglicht hätte, irgendwelche Taktiken gegen die AI zu entwickeln.
Quelle: WIRED-Artikel / Autor: Cade Metz

Weiterlesen:
Noam Brown / PhD Student, Carnegie Mellon Universität, Libratus Entwickler
Tuomas Sandholm / Professor Computer Science Department, Carnegie Mellon Universität
Paper zum der beiden Wissenschaftler “Safe and Nested Endgame Solving for Imperfect-Information Games”

Eine Zukunft des autonomen Fliegens könnte ein fledermausähnlicher Flugroboter sein. Der „Bat Bot“ fliegt dank einer dünnen Flügelmembran fledermausartig durch die Luft – ein wunderbares Beispiel für Biomimikry. Möglicherweise findet dieser agile Roboter eines Tages Verwendung bei der Untersuchung von eingestürzten Häusern oder als persönlicher „Aerial Assistent“ für ältere Menschen.
Quelle: Caltech-Pressemitteilung mit Video

Links:
Soon-Jo Chung / Associate Professor of Aerospace, Caltech
Alireza Ramezani / Postdoctoral Researcher, University of Illinois
Seth Hutchinson / Professor for Electrical and Computer Engineering, University of Illinois

Weiterlesen:
Popular Science-Artikel / Autor: Kelsey D. Atherton
Paper des Wissenschaftler-Trios “A biomimetic robotic platform to study flight specializations of bats”


DNA

Wir sind so etwas wie der App-Store für die individuellen DNA-Produkte der Zukuft” sagt Robert Thurston, CEO des Startups Helix. Und genau wie der Erfolg Ubers erst durch die Verbreitung in den iOS- und Android-Appstores möglich wurde, will Thurston die Plattform für all zukünftigen individuellen DNA-Produkte sein. Die Idee: Einmal seine DNA von Helix sequenzieren lassen (alle Protein-codierende DNA und nicht nur Genotyping-Sequenzierung wie es andere Personal-Genome-Startups wie 23andme bis jetzt anbieten) und dann sollen andere Firmen auf Grundlage dieser DNA-Sequenz individuelle Produkte entwickeln wie zum Beispiel hochindividualisierte Diät- oder Fitness Angebote. So auf jeden Fall die Idee Robert Thrustons. Und weil Helix vom Sequenziergiganten Illumina unterstützt wird, könnte das vielleicht auch klappen.
Quelle: inc (Interview mit Helix-CEO Robert Thurston) / Autor: Jeff Haden

Weiterlesen:
Geschäftsmodell des Helix-Startups / Quelle: Fastcompany
Expansionspläne Illumina / Quelle. Fastcompany
Crunchbase-Info zu Helix

In China wurde mithilfe von CRISPR eine Kuh-Herde gezüchtet, die eine gute Immunantwort auf Rinder-Tuberkulose zeigt. Im Infektionsfall müssten solchen Kühe nicht mit Antibiotika behandelt werden.
Quelle: Quartz Magazine / Autor: Katherine Ellen Foley

Weiterlesen:
Paper: “Single Cas9 nickase induced generation of NRAMP1 knockin cattle with reduced off-target effects”


VR

Atari Gründer Nolan Bushnell will mit VR-Games die Spielhallen erobern. Bushnell, Legende und einer der Urväter des Videospiels, ist als Co-Founder des Startups ModalVR davon überzeugt, dass für VR-Games das Spiel in der Gruppe an einem realen Ort (Kino, Spielhalle, Einkaufszentrum) die Zukunft sein wird. ModalVR bietet dafür ein System aus Hardware (mit kabelloser VR-Brille) und Software an. Also raus aus der engen Stube und dem Alleinsein des Online-Gamings, ab in die nächste Halle, Brille aufgesetzt und los geht's.
Quelle: MIT Technology Review / Autorin: Rachel Metz

Warum VR nicht dafür geeignet ist – obwohl es immer behauptet wird – mehr Empathie zum Beispiel für Flüchtlinge zu erzeugen.
Quelle: The Atlantic / Autor: Paul Bloom

Und zum Schluss noch eine Geschichte bzw. ein Aufruf aus FastCompany:

"Why We Need Scientists On Social Media, Now More Than Ever – More young scientists see social media platforms as an important way to engage the public and clear up misinformation." Ein – wie wir finden – guter Beitrag zur aktuellen Diskussion. Der Artikel enthält am Ende auch 10 Vorschläge für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, bei denen es lohnt, ihnen auf Twitter zu folgen. Haben gleich für Wunderding einige abonniert.

Beste Grüße,

Sarah Houben und Alexander Schlichter

Die hier veröffentlichten journalistischen Geschichten und Pressemitteilungen stellen unsere subjektive Auswahl dar. Mit keiner der verlinkten Publikationen oder Institutionen stehen wir in einer geschäftlichen Beziehung. Das sind unsere Kriterien für unsere Auswahl:

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2. Pressemitteilungen

Wir wählen die Mitteilungen aus, von denen wir glauben, dass sie ein Startpunkt sein könnten, um sich mit einem Thema intensiver weiterzubeschäftigen. 

Alexander Schlichter ist Biologe, Wissenschaftsjournalist und Gründer des Wunderding-Magazins. Seit mehr als 16 Jahren macht er Filme, Fotos und interaktive Inhalte zu allen Themen, die ihn faszinieren und begeistern..

Sarah Houben ist Biologin und Übersetzerin und wagt sich nun in die Welt des Wissenschaftsjournalismus. Nach einem BSc-Studium der Biowissenschaften hat sie nun ihren MSc in Biologischer Photographie und Film abgeschlossen.