Verdammt echt

Virtuelle Realität könnte missbraucht werden. Ist ein Ethik-Kodex nötig? Von Eva Wolfangel

Pop Tika/Shutterstock

16. Februar 2017

Er empfindet die junge Frau als Bedrohung und richtet seine Waffe auf sie, doch etwas hindert ihn daran abzudrücken. In diesem Moment hält sie ihre Pistole an ihre Stirn – und drückt ab. Zitternd lässt Sean Buckley seine Waffe sinken und schreit auf: "Das ist nicht fair!" Erst jetzt wird ihm wieder bewusst, dass er eine Computerbrille trägt, die ihn in eine dreidimensionale künstliche Realität versetzt hat. Seine Pistole ist nicht echt, die tote Frau auch nicht. "Aber es fühlt sich so real an", beschreibt Sean Buckley sein Erlebnis im Nachhinein, "ich bin durchgedreht." Der Redakteur der amerikanischen Ausgabe des Tech-Blogs "engadget" sollte nicht allzu zart besaitet sein – er schreibt regelmäßig über Virtual Reality und ist es gewohnt, in Spielen der Killer zu sein. Aber der Selbstmord hat ihn mitgenommen.

Die Virtuelle Realität macht Erfahrungen sehr viel realer, als sich die meisten von uns vorstellen können. Und sie ist im Kommen, ihr Durchbruch im Massenmarkt steht bevor. Sie verändert nicht nur Computerspiele, sondern auch das echte Leben.

Das erfuhren beispielsweise verurteilte Straftäter in Spanien, die auf freiwilliger Basis an einem Experiment zur Resozialisierung teilnahmen: Die Männer, die wegen Gewalt gegen Frauen verurteilt worden waren, wurden mittels Virtual Reality in Körper deutlich kleinerer Frauen versetzt. Dann trat ihnen in einer Art Computerspiel ein großer, furchteinflößender Mann entgegen, der sie anschrie und ihnen drohte. Das sei eine sehr reale Erfahrung gewesen, schilderten die Probanden später den Versuchsleitern des EU-Forschungsprojekts VERE. Sie konnten sich wortwörtlich in andere hineinversetzen und spürten, was sie ihren Opfern angetan hatten.

Anwendungen durch Militärs oder Geheimdienste?

In der Tat lässt uns die Virtual Reality in anderen Körpern heimisch werden, gerade so, als wären wir jemand anders. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich: Die spanischen Männer beispielsweise können eventuell erfolgreich resozialisiert werden. Gleichzeitig macht dieses Experiment deutlich, dass die neue Technologie Menschen manipulieren kann. Mehr als das: Wenn die Erlebnisse in der VR so real sind, kann diese Traumata auslösen oder gar zur Folter genutzt werden.

So machen manche Gamer derzeit Erfahrungen, die der Gesellschaft besser erspart bleiben sollten. In einer Demo für ein Sony-Headset konnte der Spieler die Pistole an die eigene Schläfe setzen und abdrücken. Doch erste Tester litten offenbar derart unter Stress nach ihrem virtuellen Selbstmord, dass das Unternehmen das Feature wieder entfernte. "Dieses Medium ist sehr mächtig, deshalb müssen wir vorsichtig mit dem sein, was wir anbieten", sagte Sony-Chef Shuhei Yoshida anschließend.

Für Thomas Metzinger sind solche Effekte einerseits ein Glücksfall. Der Philosoph von der Universität Mainz belegt mittels interdisziplinärer VR-Experimente seine These, dass unser Ich-Gefühl nicht notwendigerweise an unserem eigenen inneren Bild des Körpers hängt. Ein Avatar kann sich deshalb anfühlen, als gehöre er zu uns selbst. Die Erfahrungen der Spieler scheinen das zu belegen. Das macht die Technologie andererseits mächtig und gefährlich, wie Metzinger warnt: "Eine drohende Gefahr sind Anwendungen durch Militärs oder Geheimdienste."

Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger
Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger warnt davor, dass Virtual reality psychische Langzeitfolgen haben könnte.
Agassy-Foundation/mit frdl. Genehmigung T. Metzinger

Gleichzeitig haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren auch immer wieder das Potential der Technologie für das echte Leben gezeigt: Sie versetzten beispielsweise Menschen mit rassistischen Vorurteilen in die Körper von Farbigen, wodurch deren Vorurteile abnahmen. In einem Experiment wurden Menschen als Superman inkarniert. Sie verhielten sich dadurch freigiebiger und waren in Verhandlungen frecher. Menschen, die von einem größeren Avatar verkörpert wurden, agierten aggressiver als Besitzer eines kleineren Avatars. Wer in eine ältere Version seines eigenen Körpers versetzt wurde, legte auf einmal mehr Geld für die Rente an: Er veränderte seine Handlungen im realen Leben.

Möglicherweise kann man Menschen aber auch ihrer wahren Identität berauben: Metzinger fürchtet, dass die Nutzung eine so genannte Depersonalisierungsstörung auslösen kann. Betroffene nehmen ihren eigenen Körper nicht mehr wahr: "Die echte Realität kommt einem dann nicht mehr echt vor". Ein Leben wie in der Truman-Show – und ein erster Vorgeschmack auf mögliche Nebenwirkungen der VR, die wir jetzt noch nicht abschätzen können. "Wir beschäftigen uns schon seit vielen Jahren mit der virtuellen Realität und waren schon in wesentlich besseren VRs als die meisten Menschen", beschreibt Metzinger seine Motivation, "wir müssen die Menschen darüber aufklären, dass wir im gegenwärtigen Stadium noch nicht wissen, welche psychischen Langzeitfolgen die Nutzung der Technologie hat."

Kann Virtual Reality Straftäter therapieren?

Zusammen mit dem Psychologen Michael Madary hat Metzinger 2016 den ersten Ethikkodex für die Virtuelle Realität verfasst, erschienen im Fachmagazin "Frontiers in Robotics and Artificial Intelligence". Schließlich gibt es viele Fragen zu klären: Wenn Menschen in einem anderen Körper freigiebiger sind – ist ihr Geld dann real auch weg? Darf man Menschen beispielsweise mittels Werbung manipulieren, wenn sie sich gerade in einem Körper aufhalten, der sie empfänglicher dafür macht? Die Forscher empfehlen, die Nutzung von Avataren zu regulieren. Darüber hinaus sollten Nutzer aufgeklärt werden, dass ein Aufenthalt in der Virtuellen Realität anhaltende soziale Halluzinationen auslösen kann und dass das Risiko, angesichts von Gewaltdarstellungen Traumata zu erleiden, mit der neuen Technologie wächst. Grenzen der realen Welt sollten auch Grenzen in der virtuellen bleiben, fordern die Forscher. Schließlich werden Nutzer die VR auch als Möglichkeit sehen, Grenzen straflos zu überschreiten. Aber ebenso wie Folter kann auch eine virtuelle Vergewaltigung die gleichen schlimmen Folgen haben wie in der Realität.

Die Forscher verweisen auch darauf, dass sie keinerlei Problem darin sehen, wenn Straftäter freiwillig an Experimenten teilnehmen, die sie in die Opferrolle versetzten. "Aber es ist vorhersehbar, dass Regierungen ähnliche Techniken zwangsweise anwenden werden", warnen sie. Und nicht zuletzt haben sie auch Forderungen an ihre Kollegen: Wissenschaftler sollten ihre Probanden wahrheitsgemäß darüber aufklären, dass sie nicht wissen können, welche Auswirkungen Experimente haben. Sollte man solche Experimente überhaupt durchführen, selbst wenn den Probanden keine Unversehrtheit garantiert werden kann? Man könne nicht ganz darauf verzichten, so Metzinger und Madary, schließlich nutzt es der Menschheit zu erfahren, wie die Virtuelle Realität wirkt. Alle bekannten Risiken sollten den Probanden erläutert werden. Auch jenes, dass sie eventuell ihr Verhalten ändern, ohne es selbst zu merken, was als Bedrohung der persönlichen Autonomie gesehen werden könne.

Nicht zuletzt sollten Forscher keine falschen Hoffnungen wecken, so die Empfehlung. Gerade im klinischen Bereich ist das heikel. Der italienische Neurowissenschaftler Salvatore Aglioti von der Universität Rom erinnert sich an einen gelähmten Probanden, der hoffte, sich durch VR in einen anderen Körper versetzen und diesen mittels Gedankenkraft über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle bewegen zu können. Bei anderen hatte das teilweise geklappt, bei ihm nicht. "Zuvor war ich nur gelähmt", sagte er entmutigt nach dem Experiment zu dem Wissenschaftler, "jetzt bin ich richtig gelähmt."

Die freie Wissenschafts- und Reportagejournalistin Eva Wolfangel schreibt über Zukunftstechnologien und andere Themen für Medien wie DIE ZEIT, die Süddeutsche Zeitung, spektrum.de, Bild der Wissenschaft und Neue Züricher Zeitung. @evawolfangel

Faktenprüfung Eva Wolfangel, Redaktion Christian Schwägerl