Trumps bittere Pillen

Der US-Präsident gibt sich als Retter der Armen und Kranken. Doch er riskiert deren Gesundheit. Von Edda Grabar

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9. März 2017

Marcy lebt in New York. An einem kalten Winternachmittag steigt sie in die U-Bahn – die C-Line von Brooklyn nach Manhattan. Sie mag zwischen 40 und 50 Jahre alt sein. Vielleicht ist sie auch etwas jünger, das kann man bei Menschen, die an fortgeschrittener Multipler Sklerose (MS) leiden, manchmal schlecht einschätzen. Winzige Entzündungen im Nervensystem sorgen dafür, dass das Abwehrsystem den Schutzmantel, der Nervenzellen umgibt, angreift. Je nach Schweregrad verursacht das Leiden nur ein leichtes Kribbeln oder Sehstörungen. Es gibt aber auch Erkrankte, die können nicht mehr laufen, bei manchen trifft es das Denkvermögen. Marcy geht es noch einigermaßen gut. Ihr Gang ist unsicher, holprig. Noch kommt sie ohne Gehhilfen aus. Aber ihre Sprache ist klar:

Ich bin Marcy. Ich habe eine Krankheit, die Multiple Sklerose genannt wird, eine Nervenkrankheit. Ich habe einen Job. Aber meine Medikamente sind teuer. Deshalb bitte ich Sie, mich zu unterstützen.

Rückgängig machen läßt sich MS nicht – mit Glück und einem besonnenen Lebensstil kann man die Krankheit höchstens aufhalten. Doch wer arm ist in Amerika, der kann sich oftmals weder einen besonnenen Lebensstil noch die Medikamente leisten. Die Mittel, die Marcy benötigt, gehören zu den teuersten Medikamenten überhaupt – bis zu 60.000 Dollar kosten sie in schwereren Fällen pro Jahr. Bezahlen müssen die Betroffenen die Behandlung zum Teil selbst. Deshalb versucht Marcy, das Geld in der U-Bahn zu erbetteln.

In diesen Tagen wird klar, dass es wohl künftig sehr viel mehr Menschen wie Marcy geben wird. US-Präsident Trump will das amerikanische Gesundheitssystem komplett umkrempeln. In den Vereinigten Staaten hat das Ringen um die Gesundheitsversorgung von 324 Millionen Menschen neu begonnen.

Konfliktfeld 1: Die Krankenversicherungen für Bedürftige

Nirgendwo sind Arzneimittel so teuer wie in den USA. Dort gibt es kein Nationales Gesundheitsinstitut wie in Großbritannien, kein Institut für Wirtschaftlichkeit und Qualität wie in Deutschland, das den wirklichen Nutzen von neuen Mitteln überprüft und die Preisforderungen der Hersteller dämpft. Angeführt wird die Liste der teuersten Mittel von den neuen Therapien gegen Hepatitis-C, Krebs und den nicht mehr ganz so neuen MS-Therapien. Das ist in Europa ähnlich. Doch in den USA steigen nicht nur die Preise neuer Medikamente, sondern auch für solche, die bereits seit Jahren auf dem Markt sind. Teils haben sich die Preise in jüngster Zeit vervielfacht. Der Preis des Toxoplasmosemittels Daraprim etwa stieg 2015 von 13,50 Dollar auf 750 Dollar pro Pille – das sind 5.000 Prozent.

Und dennoch müssen etwa 28,5 Millionen (Stand Sept. 2016) Menschen in den USA ihre Medikamente und Therapien selbst bezahlen – weil sie nicht krankenversichert sind. Selbst wenn sie es sind, dann bedeutet dies oftmals, dass ihr Tarif sie dazu verpflichtet, einen Teil der Kosten für ihre Behandlung selbst zu übernehmen. Das drückt die monatlichen Belastungen für die Krankenversicherung. Es kann aber im Krankheitsfall dazu führen, dass Familien verarmen und die Kosten ihrer Behandlung nicht mehr tragen können.

So wie Marcy. Bei einer milden bis leicht fortgeschrittenen MS kostet die Therapie in den USA durchschnittlich rund 30.000 Dollar pro Jahr. Selbst wenn die Krankenkasse 85 Prozent der Kosten übernimmt, würde das immer noch eine Eigenbeteiligung von 4.500 Dollar jährlich bedeuten. Eine Summe, die Menschen wie Marcy nicht aufbringen können. Eine Erhebung der Kaiser Family Foundation, zeigt, dass über die Hälfte der nicht-versicherten US-Bürger ihre Behandlungen nicht bezahlen können. Weitere 30 Prozent treibt die medizinische Versorgung in den finanziellen Ruin.

Das alles muss man wissen, um den frenetischen Jubel zu verstehen, der ausbrach, als Donald Trump die Pharmaindustrie mit Mördern verglichen hat. Der Applaus kam vor allem von jenen, die längst durch das Netz des Systems gefallen sind.

Den Mörder-Vergleich machte Trump auf seiner allerersten Pressekonferenz im Januar als künftiger Präsident (zu sehen ab Minute 13). Eine Beleidigung gegenüber einer der einflussreichsten und größten Branchen der USA – doch der Satz sollte nicht wirklich die Chefs der großen Pharmaunternehmen treffen. Er war für die Ohren seiner Wähler bestimmt. Trump wollte bei den verarmten weißen Bewohnern von Krisenregionen Stimmung machen, in denen, wie beispielsweise in McDowell, West Virginia, die Armutsrate laut US-Census-Büro über 35 Prozent beträgt und Männer im Durchschnitt nur 64 Jahre alt werden. 74,2 Prozent der fast ausschließlich weißen Bevölkerung wählten dort Trump.

Und Big Pharma hielt still. Kein Wort zu der Attacke des mächtigsten Mannes der Welt. Im Gegenteil: Steven Ubl, Vorstand des US-Pharma-Verbands "PhrMA" dankte dem Präsidenten nach dessen Stelldichein mit einer ausgewählten Runde der Branche für das "positive Gespräch". Nicht einer der Konzernchefs vergaß, die Zahl seiner US-Mitarbeiter und US-Inventionen anzupreisen: "America first". Noch weiter auf die Spitze trieb es Joe Jimenez, Chef des Schweizer Pharmariesen Novartis. Er verlegte in dem Gespräch mit Trump seine Konzernzentrale kurzerhand von Basel nach Boston.

Die Botschaft dieses Schauspiels war offensichtlich: Trump kümmert sich um die Gesundheit seiner Bürger und die Pharmaindustrie übt sich in Buße. Doch stimmt das, was Trump da vermittelt? Oder betrügt Trump die Arbeitslosen und Armen?

Eine Demonstration.
Viele Menschen in den USA fürchten, dass Trumps Gesundheitspolitik ihre medizinische Versorgung verteuern wird. In San Francisco kam es deshalb schon vor Trumps Amtseinführung Mitte Januar zu Protesten.
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Als eine der ersten Amtshandlungen erließ Trump per Dekret, dass die von Obama eingeführte Sozialkrankenversicherung abgeschafft werden soll. Wie das umgesetzt werden sollte, blieb lange unklar. Am 7. März stellte Paul Ryan, Sprecher des Repräsentantenhauses den "American Health Care Act" vor – und versprach vor allem Kostensenkungen. Dafür will er bei den Bedürftigsten sparen. Die staatlichen Hilfen sollen zurückgestutzt werden. Versicherungen können für ältere Menschen bis zu fünffach höhere Beiträge verlangen. Den Bürgern bleibt es wieder selbst überlassen, ob sie sich versichern wollen oder nicht.

Damit zerfetzt Trump das Herzstück seines Vorgängers. Barack Obama hat mit dem 2010 flächendeckend eingeführten "Patient Protection and Affordable Care Act" (PPACA) wohl bis zu zwanzig Millionen bislang unversicherten Amerikanern einen Zugang zu bezahlbaren Arzneien und Therapien ermöglicht. Bis dahin lebten nach Erfassung des US-Zensus über 46 Millionen Menschen in den USA ohne Krankenversicherung. Sie waren weder über ihre Arbeitgeber versichert noch konnten sie sich eine eigene Krankenversicherung leisten. Dennoch waren sie zu reich für "Medicaid" oder zu jung und gesund für "Medicare". Diese beiden 1965 eingeführten staatlichen Krankenversicherungen dienen Bedürftigen sowie älteren und behinderten Menschen. Medicaid prüft im Einzelfall, ob sehr arme Menschen, die bereits alles Wertvolle verkauft haben, einen Anspruch auf die Unterstützung haben. Das Verfahren ist vergleichbar mit den Anträgen auf Sozialleistungen in Deutschland. Wer über 65 Jahre alt oder behindert ist, kann sich über Medicare versichern lassen. Die Versicherung übernimmt den größten Teil der Krankenhauskosten, umfasst eine freiwillige Zusatzversicherung für ambulante Behandlungen sowie eine weitere, die Kosten für verschreibungspflichtige Medikamente abdeckt.

Marcy gehört mit dem Stadium, in dem sich ihre Multiple Sklerose befindet, weder in die eine noch in die andere Kategorie. In den USA leben etwa 400.000 Menschen mit MS. Rund 30 Prozent von ihnen werden über Medicare versorgt. Andere sind so wohlhabend, dass sie sich eine Krankenversicherung leisten können, oder sie sind einfach nicht behindert und arm genug.

Seit der von Obama betriebenen Einführung einer allgemeine Krankenversicherungspflicht 2010 kann jeder Amerikaner eine Krankenversicherung abschließen, wenn er nicht anders – etwa durch seinen Arbeitgeber – abgesichert ist. Das gilt etwa für Selbstständige, aber auch Minijobber, die oftmals von mehr als einem Arbeitsplatz leben. Auch dürfen Krankenversicherungen gebrechliche Menschen nicht mehr ablehnen. Damit das finanzierbar ist, müssen Menschen, die sich partout nicht versichern wollen, eine Strafe bezahlen. Dieses System stieß in den letzten Monaten auf seine ersten großen finanziellen Schwierigkeiten, wie sie etwa auch deutschen Krankenversicherungen bekannt sind. Sehr viele Kranke ließen sich versichern, verursachten hohe Kosten. Zu viele Gesunde blieben den Versicherungen fern. Ein Grund für Trump, bereits im Wahlkampf wütend auf Obamacare einzudreschen.

Doch abseits wirtschaftlicher Schwierigkeiten rettete das Gesetz vielen Tausend Menschen das Leben. Weil Diabetiker weiterhin zuckersenkende Mittel einnahmen statt aus Kostengründen darauf zu verzichten. Weil die MS durch die Therapie nicht weiter fortschritt. Oder weil Menschen sich den Arztbesuch eben nicht sparten, der den Krebs früh genug entdeckt hätte - oder schlimmer noch, notwendige Behandlungen, die sie sich aber nicht leisten konnten.

Wissenschaftler haben am Beispiel von Massachusetts errechnet, dass dort auf 830 Versicherte seither ein Todesfall weniger kommt. Bezieht man diese Daten auf die US-Gesamtbevölkerung, sind den Forschern zufolge bereits 24.000 Menschenleben durch diese Versicherung gerettet worden, schrieb der Wirtschaftsrat des Weißen Hauses auf einer Website, deren Inhalt inzwischen gelöscht und archiviert wurde. Eine US-Studie von 2009 – also vor der Einführung von Obamacare – ging von 45.000 Todesfällen aus, die auf fehlende Krankenversicherung zurückzuführen waren.

Konfliktfeld 2: Die Impfpolitik

Auch von anderer Seite drohen Gesundheitsgefahren. Selbst das US-Impfprogramm steht nun auf dem Spiel. Wie den Klimawandel zweifelt der neue US-Präsident auch den Nutzen von Impfungen an. Schon 2012 hatte Trump getwittert: "Gesundes junges Kind geht zum Arzt, wird vollgepumpt mit vielen Impfstoffen, fühlt sich schlecht und verändert sich – AUTISMUS. Viele solcher Fälle."

Trump spielt mit Ängsten vieler Eltern, ihren Kindern durch Impfungen Schaden zuzufügen. Doch das ist nachweislich falsch. Impfungen verursachen keinen Autismus. Eine ganze Reihe an Studien weltweit haben dies belegt. Selbst als Forscher den Einfluss der Masern-Röteln-Mumps-Impfung auf bestimmte Kinder mit erhöhtem Autismus-Risiko untersuchten, zeigte sich kein Zusammenhang. Dennoch lud Trump den Urheber dieser Fake-News, Andrew Wakefield, zu seinem Vereidigungsball ein. Der britische Arzt hatte 1998 eine gefälschte Studie veröffentlicht, die angeblich bewies, dass die Masernimpfung Autismus verursacht. Die Veröffentlichung wurde zurückgezogen, Wakefield des Betrugs überführt. Er verlor seine Zulassung als Arzt. Doch die Angst bleibt.

Geschürt wird sie auch von einigen Ärzten, etwa von den Mitgliedern der Association of American Physicians and Surgeons (AAPS), einer medizinischen Randgruppe, die sich dafür einsetzt, dass Ärzte nicht nach Regeln, sondern nach eigenem Ermessen behandeln. Sie lehnen nicht nur die US-Gesundheitsaltersversorgung Medicare oder evidenzbasierte – also auf ihre Wirkung geprüfte – Medizin ab, sondern sie halten auch Pflichtimpfungen etwa an Schulen in vielen US-Bundesstaaten für "Menschenexperimente". Prominentes Mitglied dieses Verbands ist der gerade vereidigte Gesundheitsminister Tom Price.

In Stellung brachte sich auch Robert F. Kennedy, Neffe des gleichnamigen ehemaligen US-Präsidenten. Der Anwalt gilt als einer der schärfsten Kritiker staatlicher Impfprogramme und verbreitet dazu wissenschaftlich unbelegte Thesen. Nach einem Treffen mit Trump sagte er, dieser wolle ihn zum Vorsitzenden einer möglichen Kommission für "Impfsicherheit und wissenschaftliche Integrität" machen.

So geht die Angst um unter Amerikas Gesundheitsexperten. Sie fürchten, dass Impfprogramme für Kinder aus ärmeren Familien gestrichen werden und die Impfskepsis salonfähig gemacht wird. "Wir brauchen keine neue Kommission", twitterte die Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde (AAP) nach Kennedys Ankündigung. Bereits während des Wahlkampfs warnte die Akademie öffentlich vor den Behauptungen, Impfungen seien unsicher oder stünden in Verbindung mit Autismus. Beide seien unhaltbar. "Es ist eine Gefahr für die Bevölkerung, anderes zu sagen."

Im Jahr 2011 hatten impfskeptische Bemerkungen von Politikern und bekannten Persönlichkeiten zu historisch niedrigen Impfraten in den USA geführt. Die Folge: Die Zahl der Masernfälle stieg von 55 im Jahr 2012 sprunghaft auf 667 im Jahr 2014 an. Vor zwei Jahren erkrankten auch in Berlin 1.234 Menschen an Masern – infolge sinkender Impfraten. Schulen wurden geschlossen, ein Junge starb.

Ein Junge erhält eine Impfspritze in den Arm
Impfungen haben unzählige Menschenleben gerettet – doch Donald Trump fördert Impfgegner.
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Wie die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Deutschland rät auch die nationale Impfkommission der USA zu diversen nachweislich sinnvollen Impfungen. Nur: Das US-Gremium untersteht dem Center of Disease Control and Prevention (CDC), das letztlich über die Empfehlung entscheidet. Dessen Leitung jedoch ist neu zu besetzen. Wer den Posten bekommt entscheidet: Gesundheitsminister Tom Price.

Konfliktfeld 3: Die Arzneimittelzulassung

Price hat noch eine weitere Stelle zu besetzen: Die Leitung des US-Arzneimittelbehörde FDA. Sie gilt derzeit noch als renommierteste Zulassungsbehörde weltweit. Damit aber könnte es bald vorbei sein. "We gonna streamline the FDA", kündigte Trump während des Treffens mit den Chefs der großen Pharmaunternehmen an. Schon zuvor hatte er angeordnet, dass künftig jede neue Regulation einer Behörde zwei andere ersetzen müsste. Bei der FDA geht er noch weiter. "75 oder besser bis 80 Prozent" des mächtigen Regelwerks, das für sichere Arzneimittel sorgen soll, will er streichen. So sollen Medikamente schneller an den Patienten gebracht werden. Doch das ist ein gefährliches Spiel mit der Hoffnung, die manch eine Selbsthilfegruppe schürt – oder auch Anhänger des extrem neoliberalen Flügels, die in Amerika Libertäre genannt werden. Zu ihnen gehört etwa der Freund, Anhänger, Wahlkampfmäzen und Berater Trumps, der aus Deutschland stammende Milliardär und Paypal-Mitgründer Peter Thiel.

Verdrängt wird dabei: Die FDA ist längst die schnellste Zulassungsbehörde der Welt. "Von einst 30 Monaten, die es von Antrag bis zum Markteintritt eines Mittels benötigte, sank die Bearbeitungszeit auf durchschnittlich 8,5 Monate", sagte Aaron Kesselheim, Direktor des Programms für Arzneimittelregulation an der Universität Harvard in Cambridge dem Nachrichtenmagazin Vox. Geholfen haben dabei besondere Programme zur Zulassung von Medikamenten für seltene Erkrankungen, von Therapien, die einen möglichen Durchbruch für die Behandlung einer Krankheit könnten und von Mitteln, die für Leiden eingesetzt werden können, für die sie eigentlich keine Zulassung haben. In einer Studie von 2015 kommt Kesselheim zu dem Ergebnis, dass seit zwei Jahrzehnten die Zahl der Mittel, die unter eines der neuen Programme fallen, jährlich zunimmt. Doch trotz dieser Maßnahmen blieben, abgesehen von Einzelfällen, die wirklich großen Durchbrüche aus.

Trump sagt, er sei kurz davor, eine „fantastische“ Person zum neuen Leiter der Behörde zu benennen. Vier Kandidaten sind derzeit im Spiel: Jim O'Neill, ein neoliberaler Investmentmanager und Partner Thiels, der staatliche Regeln auf ein Minimum beschränken will – auch in der Gesundheitsversorgung. Er hält die entscheidenden Wirkungsstudien in der Arzneimittelzulassung für überflüssig. "Lasst die Leute Mittel auf eigenes Risiko nehmen", soll er 2014 gesagt haben. Ähnlicher Auffassung ist der Bitcoin- und Gentest-Start-up-Gründer Balaji Srinivasan. Er löschte, nachdem er für die FDA-Leitung ins Gespräch kam, alte Tweets, in denen er sich abfällig über die Arzneimittelprüfer äußerte. Damals ätzte er: 

Ratingseiten von Ärzten und Patienten über neue Medikamente würden kranken Menschen besser helfen als die FDA. 

Weniger radikal, aber ebenfalls dafür, dass neue Therapien schneller auf den Markt kommen, sind Joseph Gulfo, Direktor des Lewis Center for Healthcare Innovation and Technology an der Fairleigh Dickinson University in Morristown bei New York, und Scott Gottlieb, Arzt, ehemaliger FDA-Mitarbeiter und Berater des Gesundheitsministeriums.

Die Auswahl schockiert selbst Pharma-Insider, wie eine anonyme Umfrage des Branchendienstes Pink-Pharma unter 53 Herstellern ergab. "Wir brauchen jemanden, der versteht, dass sich die Leitung der FDA nicht auf 140 Zeichen-Ankündigungen vereinfachen lässt", sagt einer. "Ein FDA-Leiter darf nicht aus der Finanzindustrie kommen", fordert ein anderer. Mehr als 70 Prozent hoffen auf Gottlieb Scott. "Er ist der einzig zurechnungsfähige Kandidat auf der Liste", heißt es in einem Kommentar auf der Website zur Umfrage.

Regeln abschaffen, kaum getestete Arzneien zulassen und das zulasten der Gesundheit von Millionen von Menschen? Die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, Margret Chan, bezeichnete den Vorstoß des US-Präsidenten als extrem gefährlich. Im Januar veröffentlichte die FDA eine Studie von 22 Wirkstoffen, die es aus verschiedenen Gründen nicht bis zur Zulassung geschafft haben.

Auch beim deutschen Pharmaverband VfA macht man sich Sorgen. "Unabgestimmte nationale Alleingänge würden die Entwicklung und Produktion wieder erschweren," heißt es in einer Stellungnahme. Das Pharmageschäft ist weltweit gleichermaßen geregelt. Das internationale Harmonisierungsabkommen "ICH" ermöglicht, dass Firmen bei den meisten Zulassungsbehörden die gleichen Papiere einreichen müssen. Die europäische EMA teilte angesichts der Entwicklung in den USA mit, neue Therapien in Europa würden weiterhin nur nach den hier geltenden Sicherheitstests zugelassen.

Beim US-Pharmaverband gibt man sich derweil biegsam. Man begrüße es, "wenn überladene Regulationen abgebaut würden". Dabei denkt der Verband aber nicht zwingend an beschleunigte Zulassungsverfahren. Es geht unter anderem um Lockerungen bei der Arzneimittelwerbung. Die USA ist eines von nur zwei Ländern weltweit, in denen Werbung für verschreibungspflichtige Mittel zulässig ist. Dem Gesundheitsmedium "Statnews" zufolge zahlte die Industrie 2015 für ihre Radio- und TV-Spots 5,2 Milliarden Euro. Nach Berichten der "Los Angeles Times" aber liegen Vorschläge auf dem Tisch der FDA, die auch die Werbung für den Off-Label-Use erlauben würde. Damit sind Arzneien gemeint, die gegen Krankheiten helfen könnten, bei denen die Mittel eigentlich nicht zum Einsatz bestimmt sind.

Wie riskant das ist, hat kürzlich eine Studie nahegelegt. Ihr zufolge steigt die Wahrscheinlichkeit, an Nebenwirkungen zu leiden, durch Off-Label-Use um bis zu 54 Prozent.

Konfliktfeld 4: Die globale Pharmaindustrie und der neue US-Nationalismus

Trump bot der Pharmaindustrie auch Steuererleichterungen an, wenn sie die Herstellung und Entwicklung ihrer Arzneien wieder in die USA verlegen. Den Preis dafür sollen jene Länder bezahlen, die Arzneimittelpreise heute schon regulieren – also etwa Deutschland, Großbritannien oder auch Frankreich. 

Wir werden dieses globale Schmarotzertum beenden. Unsere Handelspolitik wird vorsehen, dass fremde Länder ihren gerechten Anteil an US-produzierten Medikamenten zahlen, damit unsere Pharmafirmen größere finanzielle Ressourcen haben, um neue Therapien zu entwickeln.
Donald Trump

Während Millionen Amerikaner gegen Trumps Einreisestopp für Menschen aus sieben hauptsächlich muslimischen Ländern protestieren, wirkt die Pharmaindustrie so, als gehe sie dies nichts an. Dabei hängt kaum eine Industrie so sehr von internationaler Forschung und exzellenter Ausbildung ab, kluge Köpfe kommen aus der ganzen Welt in die USA.

Andere Unternehmen wie Facebook, Google, Apple, Netflix, Airbnb oder Ford stellten sich offen gegen den – durch drei Gerichte aufgehobenen und inzwischen neu formulierten– Erlass. Auch 166 Vorsitzende und Gründer von Biotech-Unternehmen unterzeichneten einen Brief gegen Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit. Aber mit der Pharmaindustrie blieb eine der wichtigsten Branchen, die nach eigenen Angaben in den USA 4,5 Millionen Mitarbeiter beschäftigt, still. Kein einziges der zehn größten global tätigen Pharmaunternehmen und auch nicht der US-Pharmaverband beantwortet auch nur die Frage, wie hoch ihr Anteil eingewanderter Mitarbeiter in den USA oder global sei. Selbst in inoffiziellen Gesprächen windet man sich. Der Anteil lasse sich nicht so einfach bestimmten, heißt es. Das aber ist falsch: Das Institut für Immigrationsforschung der George Mason-Universität legte im August 2014 offen, dass bis zu einem Drittel der Mitarbeiter in Pharmaunternehmen Einwanderer sind.

Big Pharma hat sich also auf ein gefährliches Spiel mit Trumps Regierung eingelassen. Es bleibt die Frage, wer eher über Leichen gehen wird: Die Pharmaindustrie mit ihren hohen Preisen, die Trump verurteilt, oder Trump, der offenbar eine völlige Deregulierung des Gesundheitsmarkts will. Offensichtlich ist, dass Menschen wie Marcy oder die Arbeitslosen aus Virginia und Ohio es am schnellsten spüren werden, wenn die Löcher des sozialen Sicherheitsnetzes wieder größer werden. Die Befürchtungen unter den Gesundheitsexperten gehen inzwischen so weit, dass zwei Ärzte dem Gesundheitsminister Tom Price, der ebenfalls einst Medizin studierte, einen Offenen Brief geschrieben haben. Sie erinnerten ihn an den Eid, den er einst geschworen hat.

Edda Grabar forschte an Prionen, bevor sie sich als Wissenschaftsjournalistin niederließ. In den letzten zehn Jahren arbeitete sie unter anderem für die Financial Times Deutschland, DIE ZEIT, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung und Technology Review. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr Motto: Genie und Wahnsinn liegen nicht unbedingt nah beieinander, liefern aber den Stoff für gute Geschichten.

Eine kürzere Version dieses Textes erschien am 16. Februar 2017 bei Zeit Online.

Text und Faktenprüfung Edda Grabar; Redaktion Christian Schwägerl