"Tyrannei ist nie komplett, solange es Wildnis gibt"

Donald Trump versucht, die Welt vor sich herzutreiben. Im Fokus: Umwelt und Wissenschaft. Jetzt kommt es auf die richtige Reaktion auch bei uns an. Von Christian Schwägerl

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Berlin, 27. Januar 2017

Es ist auf den ersten Blick überraschend, woher der Widerstand gegen Donald Trump kommt: Aktive und frühere Nationalparkranger widersetzen sich der Anweisung des Weißen Hauses, in sozialen Medien zu schweigen. Sie stellen sich damit gegen ihre Dienstherren. Binnen weniger Stunden folgen eine Million Menschen auf Twitter den Mitteilungen einer selbsternannten Widerstandgruppe mit dem Logo des National Park Service, die anonymen Renegaten werden zu digitalen Helden.

Im Badlands National Park, einer Verwitterungslandschaft im Südwesten von South Dakota, die nicht allzu weit von den in Stein gemeißelten Präsidentenportraits von Mount Rushmore liegt, fing das Aufbegehren an. Ein früherer Angestellter tat das, was bis zum 20. Januar noch selbstverständlich war: Er informierte sachlich über den Klimawandel. Das ist nun verboten. Und weil dieses Verbot den aggressiven, kommandantenhaften Stil der ersten Präsidententage von Trump symbolisiert, facht es den Widerstand gegen ihn kräftig an.

Es ist auf den zweiten Blick gar nicht so überraschend, dass dieser Widerstand aus der Naturschutzszene kommt. In den Nationalparks der Vereinigten Staaten fließen die traditionelle Liebe der Amerikaner zur Natur und die traditionelle Liebe zur Wissenschaft in gleichen Teilen zusammen. Nationalparkranger wissen über Artenvielfalt und Klimawandel bestens Bescheid, im Badlands Nationalpark und anderswo ist die tiefe Erdgeschichte mit bloßen Händen zu begreifen. Sie erleben vor Ort vor allem auch, welche Schönheit es zu bewahren gilt und wie gefährdet sie ist.

Nationalparks sind nicht einfach nur Wildnisgebiete, sondern zugleich auch Forschungszentren. Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Emma Marris hat dies kürzlich in ihrem Artikel "Berührte Natur" auf RiffReporter eindrucksvoll geschildert. Zugleich haben die Ranger tagein, tagaus mit wilden Lebewesen zu tun, die es gewohnt sind, die Schwächeren zu sein und doch zu überleben. Der Umgang mit wilden Tieren kann befreien: Ranger bekommen ein Leben in Gefahr und Freiheit jeden Tag gezeigt – samt der Würde, die in ihm steckt. "Tyranny can never be complete as long as there’s wilderness", hat der US-Umweltaktivist Tim DeChristopher bereits 2011 gesagt. Der Satz taugt zum Motto für die Twitter-Bewegung.

Alle bisherigen Selbstverständlichkeiten sind bedroht

Doch ein Twitteraccount mit Hunderttausenden Followern allein ist noch keine politische Kraft. Wenn dagegen Donald Trump tweetet, zittert die Welt, denn er gebietet auch über fast 9.000 Atomsprengköpfe, hat seine Soldaten rund um die Welt stationiert, kann mit wenigen Worten die Menschheit ins Verderben stürzen. Der neue, hochemotionale Präsident hält mit nichts hinter dem Berg – auch nicht damit, dass er zum Angriff auf die Wissenschaft ansetzt. Hektisch versuchen Klimaforscher, ihre über Jahre und Jahrzehnte mühsam gewonnenen Daten vor Reinigungs- und Löschversuchen der Trump-Regierung in Sicherheit zu bringen. Es besteht die reale Gefahr, dass Fakten nicht nur geleugnet, sondern auch physisch gelöscht oder unzugänglich gemacht werden. Die ersten Budgetkürzungen sollen die Nationalstiftungen für die Künste und für die Geisteswissenschaften treffen. Das ist konsequent, sind die Geisteswissenschaften doch so etwas wie die Nationalparks der Wissenschaft, in denen sich freie, wilde Wesen ausleben. Nichts könnte einem kontrollsüchtigen Narzissten wie Trump mehr zuwider sein als ein gebildeter Historiker, ein smarter Konstruktivist oder eine charakterstarke Künstlerin, die ohne Macht, aber mit umso mehr Wissen sein Spiel durchschauen.

Donald Trump
Der heutige US-Präsident Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung im Dezember 2015 in Las Vegas.
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Die Ereignisse der vergangenen Tage, inklusive der Ansage Trumps, er glaube fest daran, dass Folter "funktioniert", wirken als Schock, obwohl jeder darauf hätte vorbereitet sein können. Entsprechend alarmiert sind die Einordnungsversuche. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärt die Weltordnung des 20. Jahrhunderts für beendet. Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, kommt in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung zu der Einsicht, dass es nicht mehr reiche, wenn die Wissenschaft nach mehr Geld rufe, sie müsse sich gesellschaftlich engagieren. Es tritt ins Bewusstsein: Die Selbstverständlichkeiten, auf denen das Leben in freiheitlichen, modernen Gesellschaften bisher aufgebaut hat, sind entweder schon perdu oder hochgradig bedroht.

In den USA bereiten nach dem Woman's March nun Wissenschaftler eine Großdemonstration vor. Sie stellen für die Teilnahme eine Bedingung: Man müsse sich zur empirischen Wissenschaft bekennen. Plötzlich bekommt selbst der Tweet der britischen Royal Society vom 22. Januar, in dem an den Geburtstag von Francis Bacon im Jahr 1561 erinnert wird, eine hochpolitische Note. Bacon hat dazu beigetragen, die menschliche Zivilisation auf den Pfad der Empirie zu bringen, der wir deutlich mehr Gutes als Schlechtes zu verdanken haben. Die Wendung von den "alternativen Fakten", die eine enge Trump-Beraterin nun benutzt hat, bringt zum Ausdruck, womit wir es heute eigentlich zu tun haben: Nicht nur mit dem Ende der Nachkriegs-Weltordnung, auch nicht nur mit der Gefahr eines autoritären Kurses, sondern mehr noch – mit dem Versuch einer Gegen-Aufklärung, der Erschaffung einer Welt, in der die Gefühle und Interessen eines Politikers mehr zählen sollen als die Ergebnisse umfassender Messungen und Analysen über den Zustand der Erde.

Aus dem Weltwissen, das die Wissenschaft hervorgebracht hat, will sich die Trump-Regierung allenfalls Technologien holen, mit denen sie ihre Bevölkerung und den Rest der Welt besser überwachen und in Schach halten kann. Als nächstes müssen sich vermutlich die IT-Konzerne im Silicon Valley auf eine brutale Umarmung durch den Präsidenten gefasst machen: Profile für ein Muslimregister; Psychogramme auf der Grundlage der sozialen Medien, die es Grenzbeamten erlauben, trumpkritische Ausländer zu identifizieren; Verfahren, um die Bevölkerung zu segregieren und gegeneinander auszuspielen – solche Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sind dem Rechtspopulisten recht. Wenn aber Klimaforscher die Interessen der Fossilindustrie durchkreuzen, wenn Biologen aufzeigen, wie Trumps Energiepolitik überlebenswichtige Ökosysteme gefährdet, dann werden sie als Lügner diffamiert, ähnlich wie Journalisten, die Unangenehmes berichten.

Geisteswissenschaften als Navigationssystem

In den USA entfaltet sich mit großer Dynamik eine Protestbewegung gegen Trump. Wie erfolgreich sie sein wird, ist völlig offen. Aufrufe wie die des früheren Chefs der US-Umweltbehörde EPA, William Reilly, die Regierungsmitarbeiter sollten in ihren Positionen bleiben und sich der Trump-Agenda widersetzen, findet Anklang. Doch der Trump-Apparat wird hart zurückschlagen und seine Mitarbeiter an die Kandare nehmen. Die anonymen Gründer des Alternativen Twitteraccounts für den Nationalparkservice teilten mit, sie würden sich aus Angst vor Konsequenzen zurückziehen und den Account an ein Team von Umweltaktivisten übergeben. Erst wenn Wissenschaftler und Umweltexperten mutig genug sind, auch unter solchen Umständen ihren Prinzipien treu zu bleiben und öffentlich zu opponieren, kann man von veritablem Widerstand gegen die Gegenaufklärung sprechen.

Aber wie sollen wir in Europa mit dem aktuellen Generalangriff auf die aufgeklärte Gesellschaft umgehen? DFG-Präsident Strohschneider hat bereits eine zentral wichtige Aufgabe benannt: die Wissenschaft kann die aktuellen Umbrüche nicht passiv über sich ergehen lassen. Sie muss sich einmischen, Farbe bekennen – und sich selbst hinterfragen.

Mit dem bloßen Hinaustrompeten von Fakten allein ist es nicht mehr getan. Die Überheblichkeit eines Wissenschaftsbetriebs, der die Gesellschaft wahlweise als Geldquelle, Datenquelle oder Quelle von Belustigung über ihr Nichtwissen betrachtet, ist für ihn selbst brandgefährlich. Eine Wissenschaft, die sich im Besitz von finalen Wahrheiten wähnt statt ihre Pluralität in den demokratischen Diskurs einzubringen, macht sich extrem anfällig für populistische Elitenskepsis.

Will die deutsche und europäische Wissenschaft die aktuellen Umbrüche meistern, wäre es natürlich eine gute Idee, jetzt die Forschungsinvestitionen massiv zu steigern und gezielt Wissenschaftler und Ingenieure aus den USA anzulocken, die unter den neuen Bedingungen eine neue Lebensperspektive suchen. Es wäre natürlich sinnvoll, die Klimaforschung massiv zu fördern, die Geisteswissenschaften mit ihrem Schlüsselwissen zu komplexen sozialen Prozessen auszubauen – letztlich überall dort Schwerpunkte zu setzen, wo Trump die Axt ansetzt.

Allianz mit den Schwachen

Aber dieser Art von Expansion würde nicht genügen. Es gilt daraus zu lernen, mit welcher Wucht und warum in den USA eine reaktionär-gegenaufklärerische Bewegung die Macht erringen konnte. Eine wichtige Lehre für die deutsche und europäische Wissenschaftspolitik ist, auf die Teile der Bevölkerung zuzugehen, die sich vom Tempo technologischer Umbrüche abgehängt sehen, deren Regionen etwa bei der Digitalisierung nicht mitkommen. Bei den Großkonferenzen der Wissenschaft, wie etwa dem European Science Open Forum, sollten statt der Logos von Sponsor-Großkonzernen die Logos von Problemregionen prangen, mit denen sich Forscher verbündet haben. Im Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz sollten nicht nur Googlevertreter ein- und ausgehen, sondern auch Arbeitnehmervertreter, denn es geht um Millionen Jobs. Und wenn Wissenschaftspolitiker die Energiewende planen, sollten sie das auch mit Hilfe von Konsultationsprozessen tun, deren Ergebnisse nicht schon vorher feststehen.

Es geht nicht darum, die Wissenschaft jetzt dem Populismus anzuverwandeln und den kurzfristigen Bedürfnissen der Gesellschaft unterzuordnen. Ohne zweckfreie Grundlagenforschung verkleinern sich die Schritte der Erkenntnis zusehends. Worum es geht, ist der Gestus: Statt der bisherigen Wissenschaftskommunikation von oben herab, deren Broschüren allzu oft wirken, als seien sie von den Zeugen Jehovas, geht es um eine aktive Wissenschaftskonversation. Statt einer Hightech-Strategie im Dienst eines engen Segments der Wirtschaft wär eine Mehrwert-Strategie für den Wissenshorizont der gesamten Gesellschaft wichtig. Statt sich zum eigenen Nutzen hauptsächlich mit den Reichen und Mächtigen zu verbünden, würde vorbeugende Forschungspolitik die Allianz mit den Schwachen suchen, mit den abgelegenen Gebieten, den Verlierern. Hier liegt eine große Aufgabe für die nächste Bundesregierung und die Führung der EU.

Blumen vor dem Weißen Haus
Das Gelände des Weißen Hauses wird vom National Park Service verwaltet.
NPS

Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, dass die Trumpsche Präsidentschaft mit Umwelt und Wissenschaft als prominenten Konfliktfeldern beginnt, also zwei Themen, die gemeinhin als "soft" gelten und auch in vielen Redaktionen eher als "Orchideenfächer" belächelt werden. Jetzt sind Umwelt und Wissenschaft plötzlich Gegenstände der Weltpolitik, im Umgang mit ihnen zeigt sich das aggressive und gefährliche Gesicht der rechtspopulistischen Gegenaufklärung.

Es ist auf den zweiten Blick gar nicht so überraschend, dass dies so kommt. In Notsituationen tritt häufig das Wesentliche zutage, das, was man in luxuriöseren Zeiten ignorieren zu können glaubte. Der Trumpsche Angriff auf den "Globalismus", zu dem auch das globale Umweltbewusstsein gehört, lässt es plötzlich möglich erscheinen, dass die Weltklimapolitik final scheitert – mit im wahrsten Sinne des Wortes erderschütterenden Konsequenzen. Die Trumpsche Attacke auf den empirischen Journalismus und die empirische Wissenschaft lässt eine grauenhafte Zukunftswelt erahnen, in der es nur noch Propaganda, Spin und PR gibt. Beides sind Horrorszenarien und beides legt offen, wie zentral diese vermeintlichen Randgebiete in Wirklichkeit sind. Inwieweit das in der Öffentlichkeit präsent bleibt, hängt vor allem davon ab, wie viele Bürger sich nun aktiv Umwelt und Wissenschaft – und für Umweltwissenschaft – einsetzen. Ein weltpolitisches Hoffnungszeichen wurde bisher übersehen: Das Gelände des Weißen Hauses ist selbst ein Nationalpark. Donald Trump lebt und arbeitet auf einem Grundstück, das von Menschen verwaltet wird, die Wissenschaft und Wildnis gleichermaßen lieben.

Christian Schwägerl arbeitet für Medien wie FAZ, GEO und Yale E360 und hat Bücher über Anthropozän, globale Konfliktrisiken und Internetzukunft geschrieben. @chrschwaegerl

Faktenprüfung Christian Schwägerl, Redaktion Max Steinbeis