Keine Angst vor schwerelosen Wassermassen

"Passengers": Wir begutachten die Weltraumreise von Jennifer Lawrence mit einem echten Astronauten und zwei Raumfahrtexperten. Von Alexander Mäder

2016 Sony Pictures Releasing GmbH

Stuttgart, 13. Januar 2017

Zwischen der Ausstattung der früheren russischen Raumstation "Mir" und dem schmucken Raumschiff "Avalon" aus dem neuen Science-fiction-Film “Passengers” liegen Welten. Hier spröde Funktionalität, dort überbordender Luxus. "Ein Schwimmbad hätte ich auch gerne gehabt", sagt Reinhold Ewald knapp. Vor zwanzig Jahren ist er als deutscher Astronaut zur russischen Raumstation "Mir" mitgeflogen und hat dort knapp zwanzig Tage verbracht. Inzwischen ist er 60 Jahre alt und arbeitet im Fachgebiet Astronautik und Raumstationen am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart. Zusammen mit Institutsleiter Stefanos Fasoulas, dem Doktoranden Marius Schwinning – der in seiner Promotion die Optionen einer Mondmission auslotet – und mir hat Ewald sich "Passengers" angeschaut. In dem Film sind 5.000 Menschen, darunter die Schriftstellerin Aurora Lane (Jennifer Lawrence) und der Techniker Jim Preston (Chris Pratt), auf überlanger Weltraumreise.

Nicht nur der Pool mit Weltraumpanorama, sondern auch andere Features der "Avalon" gefallen den Experten. "Vom schicken Design hat man zwar nichts", sagt Ewald, "aber es ist mal etwas anderes als die üblichen funktionellen Oberflächen." Deshalb seien auch beim jährlichen Wettbewerb zur Planung von Raumstationen an der Universität Stuttgart immer wieder Designer dabei.

Nach 116 Minuten Film zählen die Experten eine gute Stunde die physikalischen Fehler auf. Wirklich gelungen ist in dieser Hinsicht kaum etwas. Aber das solle nicht gegen das Werk von Regisseur Morten Tyldum sprechen, versichern sie. 

Wenn sich drei Leute aus der Raumfahrtbranche amüsiert haben, kann der Film nicht so schlecht sein. Marius Schwinning, Raumfahrtexperte

Zwiespältig ist der Eindruck dennoch. Hollywood hat in den letzten Jahren die Raumfahrt entdeckt, was für ein gutes Image der Branche spricht. Die Forscher sind zufrieden: Reisen ins Weltall bleiben eine Attraktion. "Aber die Raumfahrt dient nur als Kulisse", beklagt Fasoulas. Bei "Passengers" liefere sie schöne Bilder für eine Liebesgeschichte; bei "Avatar" wertete sie letztlich einen Indianerfilm auf. Dass sich die Produzenten nicht um die fachlichen Details scheren, zeigen die offenbar willkürlich gewählten Angaben: So hat die "Avalon" zu Beginn des Films in 30 Jahren schon 19 Lichtjahre zurückgelegt, obwohl es höchstens 15 sein dürften, weil sie mit halber Lichtgeschwindigkeit fliegt. Zwei Jahre später passiert sie den hellen Stern Arktur, der 37 Lichtjahre von der Erde entfernt ist.

Die Liebesgeschichte spielt sich zwischen zwei Passagieren ab (Jennifer Lawrence in stetig wechselnder Garderobe und Chris Pratt mit stets treuem Blick), die nach 30 Jahren Flug aus ihrem Hyperschlaf gerissen werden, obwohl sie erst nach 120 Jahren geweckt werden sollten, wenn die "Avalon" den Planeten Homestead II erreicht. Sie sind gestrandet auf einem interstellaren Luxusdampfer. Wenn sie keinen Weg zurück in den Hyperschlaf finden, werden sie ihr Ziel nicht mehr lebend erreichen. Erstaunlicherweise geht der Reiseveranstalter Homestead davon aus, dass die Hyperschlafkabinen fehlerfrei funktionieren, und hat deshalb keinen Plan B für den Fall einer Fehlfunktion vorgesehen – im krassen Unterschied zur heutigen Raumfahrt, wo alle Systeme doppelt und dreifach abgesichert sein müssen, wie Marius Schwinning betont.

Die Raumfahrtexperten Stefano Fasoulas, Reinhold Ewald und Marius Schwinning.
Trotz allem gut unterhalten: Die Raumfahrtexperten Stefanos Fasoulas, Reinhold Ewald und Marius Schwinning.
Alexander Mäder

Zu den bereits identifizierten Fehlern des Films kommen noch weitere hinzu: Man muss keine Angst haben, in einem Pool zu ertrinken, wenn plötzlich die Schwerkraft ausfällt. Aurora Lane, der das widerfährt, müsste sich mit einigen kräftigen Schwimmzügen aus dem großen, schwebenden Wasserball, der sich in der Schwerelosigkeit bildet, befreien können, urteilen die Forscher. Allerdings warnen sie davor, von einem rotierenden Raumschiff zu springen, wie es die Protagonisten tun. Wenn man sich vom Rotationszentrum entfernt, muss man einen größeren Kreis ziehen – und wird vom schneller rotierenden Raumschiff mitgerissen, weil man ja an einer Sicherheitsleine hängt.

Eine Jahreszahl wird im Film nicht genannt, aber die Geschichte dürfte weit in der Zukunft angesiedelt sein, weil die Firma Homestead schon mehr als tausend Flüge zu ihren beiden Kolonien organisiert haben soll. "Die Computer sehen dafür wenig fortschrittlich aus", merkt Reinhold Ewald an. "Diese Technik haben wir schon heute." Die irdische Zivilisation scheint überdies längst einen stabilen Zustand erreicht zu haben und sich nicht mehr zu entwickeln. Aurora Lane als Schriftstellerin will nach einem Jahr Recherche auf Homestead II zur Erde zurückkehren, um von der Kolonie zu berichten. Auf der Erde dürften dann, weil sich die Zeit auf dem schnellen Raumschiff dehnt, rund 280 Jahre vergangen sein. Sie rechnet damit, in eine vertraute Welt zurückzukehren, in der bloß andere Menschen leben.

Ist die Reise zu den Sternen tatsächlich eine greifbare Vision? Schnell landet das Gespräch bei Elon Musk, der im September auf einer Fachkonferenz Pläne für eine Marsmission angekündigt hat. Marius Schwinning war dabei: "Musk ist ein Rockstar der Raumfahrt geworden", sagt er und berichtet von Fans, die stundenlang vor dem Saal warteten, um Plätze in den vorderen Reihen zu ergattern. Aber die drei Forscher sind skeptisch: Eine Marsmission erfordere viel größere Kompetenzen, als Musk mit seiner Firma SpaceX derzeit vorzeigen könne. Stefanos Fasoulas macht es mit einem Vergleich deutlich: "Am Nord- und Südpol hat man fast alles, was man zum Leben braucht", sagt er. "Trotzdem findet man dort nur ein paar Forscher und Abenteurer." Warum sollte es die Massen zu Mars ziehen, wo es noch weniger gibt als im ewigen Eis?

Die drei Forscher wünschen sich stattdessen eine kontinuierliche Weiterentwicklung: eine längere Nutzung der Internationalen Raumstation ISS und eine Forschungsbasis auf dem Mond. Der deutsche Beitrag zur ISS liegt in der Größenordnung eines Blockbusters aus Hollywood: Weltweit hat "Passengers" bereits 180 Millionen US-Dollar eingespielt, was einem geschätzten Gewinn von 70 Millionen US-Dollar entspricht. Zum Vergleich: Deutschland hat kürzlich rund 110 Millionen Euro im Jahr für die Raumstation zugesagt. "Wenn wir Jennifer Lawrence und Chris Pratt auf die ISS fliegen könnten, wären wir saniert" sagt Ewald.

Zwei Schauspieler schauen in einen Maschinenraum
Auf der Suche nach dem Fehler: Jennifer Lawrence und Chris Pratt im Maschinenraum der “Avalon”.
2016 Sony Pictures Releasing GmbH

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