Der Wind ist ein besoffener Hipster

Zu Besuch bei der Ocean Film Tour mit dem Tiefsee-Ökologen Ralf Hoffmann. Von Anja Krieger

Chapter One

23. März 2017

Lederjacke, beige Hose, kurze Haare – so hat sich Ralf Hoffmann am Telefon beschrieben. Im Cinemaxx am Potsdamer Platz stehe ich dann aber doch kurz auf dem Schlauch: Wer von den vielen Menschen, die hier rumwuseln, ist er nun? Von der Seite schaut mich ein rotblonder Mann fragend an. Wir mustern uns, dann ist das Eis gebrochen: Der Tiefsee-Ökologe vom Alfred-Wegener-Institut steht direkt neben mir.

Ralf und ich reihen uns in den Strom der Menschen ein, die zur Ocean Film Tour wollen. Seit Wochen ist der Filmabend über das Meer ausverkauft. In der Schlange vor dem Kinosaal ist Zeit, sich ein bisschen kennen zu lernen. Ralf ist Anfang Dreißig, hat Meeresbiologie in Rostock studiert und schreibt gerade seine Doktorarbeit über Sauerstoffflüsse. Das erklärt er mir so: Jede Gemeinschaft von Meerestieren atmet Sauerstoff ein und Kohlendioxid aus, die Pflanzen machen es umgekehrt. Ralf und seine Kollegen messen das und fassen es in Zahlen, die wiederum Modelle füttern. Dafür war er schon viel auf dem Meer unterwegs und als Forschungstaucher auf einer argentinischen Forschungsstation in der Antarktis.

Die abendliche Ozeantour vergeht wie im Flug: In den Filmen besuchen wir einen Surfer auf Island, der gegen den Wind kämpft. Den Wind stellt sich der Surfer, der tagsüber in einer Bar jobbt, als einen besoffenen und völlig unberechenbaren Hipster mit langem Bart vor, der als letzter in der Kneipe sitzt. Wir tauchen mit Mantarochen durch ein mexikanisches Riff und lernen ihre Freunde und Putzkräfte, die Orangen-Engelfische, kennen. Wir verfolgen Bilder von einer Roboter-Kamera am Meeresgrund des Mittelmeers, die erschreckende Mengen von Plastikmüll nach oben funkt, und zittern mit einer finnischen Freitaucherin, die ohne jegliche Absicherung unter dem Eis eines Sees herumtaucht. Kitesurfer fliegen durch die Luft, Gitarren schrammeln und der auf brachiale Wellen spezialisierte hawaiianische Fotograf Clark Little schmeißt sich in die Brandung.

Ein Mann mit organgenem Helm auf einem Forschungsschiff.
Ralf Hoffmann vom Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung.
Ulrike Braeckman

Der beste Film ist aber "The Weekend Sailor": Er handelt von einem Staubsaugervertreter aus Mexiko, der seinen Sohn vom Heiraten abbringen will und sich und ihn deshalb 1973 zur ersten Segal-Regatta um die Welt anmeldet, ohne jegliche Erfahrung mit der gewaltigen Kraft des Ozeans (er hat nicht mal ein Boot). Eine großartig lustige und spannende Außenseitergeschichte – und wirklich so passiert. Bis auf den Alkohol an Bord, sagt der Schiffsarzt von damals, den die Veranstalter auf die Bühne holen – es sei doch deutlich mehr getrunken worden als der Film zeigt.

Nach drei Stunden Kino setzen Ralf und ich uns in eine Hotelbar und bauen das Mikro auf, um die Filme noch mal richtig zu besprechen...

Audio-Länge: 13 Minuten. MP3-Download (19 MB)

Drei Filmtipps:

Die freie Journalistin Anja Krieger berichtet für die Deutschlandradios und Printmedien. Sie beschäftigt sich intensiv mit Meeresthemen und war von August 2015 bis Mai 2016 als Knight Science Journalism Fellow am Massachusetts Institute of Technology in den USA. @anjakrieger

Text: Anja Krieger, Redaktion: Tanja Krämer