Das Lexikon der mächtigsten Naturwissenschaftlerin

Was es gerade bedeutet, dass Angela Merkel Quantenchemikerin ist. Der Riffbuch-Fragebogen mit Andreas Rinke.

David Ausserhofer

Sie haben Angela Merkel als Politikkorrespondent schon zu vielen Wissenschaftsterminen begleitet. Nimmt Wissenschaft einen normalen oder einen überdurchschnittlichen Anteil im Terminplan der Kanzlerin ein?

Wissenschafts- und Technologietermine nehmen – im Vergleich – einen wesentlichen Teil in Merkels Agenda ein. Sie besucht regelmäßig Wissenschafts- , Forschungs- und Bildungseinrichtungen. Vor allem thematisiert Merkel aber das Thema Forschung sehr oft in Reden. Für sie scheint das eng mit der Zukunftssicherung Deutschlands verbunden zu sein. Deshalb hat sie auch Druck gemacht, dass die CDU das EU-Ziel, dass jedes Land drei Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Forschungs und Entwicklung ausgibt, nun auf 3,5 Prozent erhöht. Natürlich müsste das auch durchgesetzt werden. Merkel mahnte aber mehrmals, dass Südkorea und Israel bereit erheblich darüber lägen und Deutschland in Wahrheit in einem internationalen Wettbewerb steht und sich nicht zurücklehnen kann, weil man nun in der EU zur Spitzengruppe gehört.

Wie wichtig ist es für den Politikstil von Angela Merkel, dass sie Naturwissenschaftlerin ist? Und ist sie eine besonders wissenschaftsfreundliche Kanzlerin?

Sie ist sicher der wissenschaftsfreundlichste Regierungschef, den es in der Bundesrepublik je gab. In ihrer Regierungszeit haben sich die Bundesausgaben für Forschung verdoppelt – maßgeblich auf ihr Betreiben. Sie selbst führt ihr analytisches Denken auf ihre Physik-Ausbildung zurück und pflegt enge Kontakte zu Wissenschaftlern. Termine bei Wissenschaftsorganisationen gehören nicht nur zu den ständigen, sondern von ihr auch als wichtig angesehenen Auftritten im jährlichen Politikkalender. Jährlich referiert sie am "girl’s day", wie hoch der Anteil junger Frauen ist, die sich für ein naturwissenschaftliches Studium entscheiden.

Sie waren auch dabei als die Bundeskanzlerin Donald Trump getroffen hat. Trump will die Ausgaben für Gesundheits- und Umweltforschung brutal zusammenstreichen, Merkel sie ausbauen. Ist die Kanzlerin jetzt die wichtigste Unterstützerin der Wissenschaft?

Mein Eindruck ist, dass Merkel jede Überhöhung ihrer Rolle eher unangenehm ist. Das gilt für die "Führungsfigur der liberalen westlichen Welt" ebenso wie "wichtigste Unterstützung der Wissenschaft": Erfolg in diesem Bereich dürfte sie eher so definieren, dass er erreicht ist, wenn andere sich ebenfalls stark für mehr Wissenschaftsausgaben einsetzen. Dass etwa Klimaschutz und Klimaforschung ihr wichtig sind, hat sie aber auch seit Trumps Amtsantritt mehrfach betont. Aber das unterscheidet sie eigentlich nicht von vielen anderen westlichen Regierungschefs. Die Ausnahme ist eher die Trump-Regierung.

Zu Ihrem Buch. Es gibt schon viele Merkel-Biographien. Was hat den Ausschlag gegeben, ausgerechnet ein Lexikon über die Kanzlerin zu schreiben?

Es gab vor allem drei Motive. Eines hat mit der "post-faktischen" Debatte zu tun. Ein Lexikon ist eigentlich die demütigste Darstellungsform, weil der Autor hinter den beschriebenen Themen zurücktritt – und dies bitter nötig ist in dieser meinungsfreudigen Zeit. Außerdem ist es einfach ein neuer Versuch, die Komplexität einer Person besser zu erfassen und zu beschreiben. Biographien neigen dazu, ein Leben unter eine These zu stellen, ein einheitliches, sich linear entwickelndes Bild einer Person zu zeichnen. Ein Lexikon mit mehr als 340 Stichworten "filettiert" dagegen eine Person thematisch, die man dann bei der Lektüre weder Stück für Stück zusammensetzen kann. Dieser Ansatz zeigt die widersprüchliche Gleichzeitigkeit im Denken und Verhalten besser, die fast jeden Menschen auszeichnet. Drittens bietet ein Lexikon den leserfreundlichsten Zugang – ein Leser springt genau an die Stelle zu dem Thema, die ihn oder sie interessiert.

Was war der erste Kontakt mit Angela Merkel, an den Sie sich erinnern können?

Der erste direkte Kontakt fand Ende Oktober 2005 statt, für ein Interview vor dem EU-Gipfel im britischen Hampton Court bei London. Merkel stand zu diesem Zeitpunkt bereits als künftige Kanzlerin fest, war aber noch nicht ins Amt eingeführt. In dem Handelsblatt-Interview diktierte sie ihrem noch amtierenden Vorgänger Gerhard Schröder erstmals Positionen, denn der SPD-Politiker vertrat Deutschland bei diesem EU-Gipfel ein letztes Mal. Das Gespräch fand im Büro der damaligen Fraktionsvorsitzenden im Jakob-Kaiser-Haus statt, einem der Bundestagsgebäude. Das Büro bot einen wunderschönen Blick über die Spree. Merkel strahlte eine große Ruhe aus und war über die EU-Politik bereits sehr genau und detailliert informiert. 

Ein Portrait des Journalisten Andreas Rinke
Der Politikjournalist und Buchautor Andreas Rinke beobachtet Kanzlerin Merkel im Hauptberuf.
privat

Wie lange haben Sie an diesem Buch gearbeitet, wie lange haben Sie dafür recherchiert?

Geschrieben habe ich das Buch in etwa neun Monaten von Herbst 2015 bis Juli 2016. Aber recherchiert habe ich dafür etwa 10 Jahre.

In welche neuen Gebiete hat das Buch Sie geführt?

"Gebiete" ist vielleicht nicht das richtige Wort. Durch das Buch hat mein Wissen und Verständnis von Merkel eine zeitliche Tiefe bekommen. Ich habe gelernt, was ich alles nicht wusste (und hätte wissen sollen). Der gezielte Blick auch in "leichte", also persönliche Themen im Leben Merkels wiederum hat meinen Blick auf Merkel komplexer gemacht. Ich habe gemerkt, dass Menschen an der Kanzlerin nicht immer nur ihr politisches Denken interessiert – sondern auch, wie Macht und Politik überhaupt funktioniert.

Was war das größte Hindernis, das Sie beim Recherchieren/Schreiben überwinden mussten?

Ein Hindernis war meine Scheu, Privates zu recherchieren. Ein zweites war – wie bei vielen wissenschaftlichen Arbeiten – das Problem einer zu großen Fülle an Material. Es gibt so viel Quellen über Merkel, dass man irgendwann einen Schnitt ziehen bzw. sehr viel härter filtern muss, was ein Buch weiterbringt und was nicht.

Welche Überraschungen gab es?

Ich hatte gedacht, ich weiß eigentlich fast alles über Merkel. Die Recherche hat mich demütig gemacht. Am meisten hat mich der Fund einer Merkel-Rede aus dem Jahr 1993 beeindruckt, in die damalige Familienministerin zur Flüchtlingsproblematik etwa die gleiche Haltung bezogen hatte wie dann später 2015. Das hätte man wissen können, weil die Quelle verfügbar und öffentlich war. Aber ich kannte die Rede bei meiner aktuellen Berichterstattung über die Krise 2015 noch nicht – und offenbar auch kein anderer Journalist. Die fehlende zeitliche Perspektive führt im Journalismus deshalb oft zum Eindruck von Wankelmütigkeit in der Beschreibung von Politikern, weil nur der jeweilige Kurzzeitblick dominiert.

Haben Sie einen Lieblingseintrag im Lexikon?

Neben den außenpolitischen wie China, gehören dazu die Stichworte "Frauen" und "Affären" – letzteres, weil ich bis zu der Buchrecherche nicht wusste, dass sich hunderttausende Leserinnen mit erfundenen Geschichten über angebliche Affären Merkels beschäftigen. Bei der Recherche zum Thema Frauen wurde mir bewusst, wie prägend dieses Thema für die Arbeit Merkels letztlich über die Jahre war. Im Alltag fällt dies kaum auf, weil sich Journalisten meist mit Themen beschäftigen, die mehr im Zentrum des täglichen Interesses stehen. Aber über einen längeren Zeitraum gesehen fällt auf, wie systematisch Merkel Frauen-Themen besetzt.

Wie hat sich Angela Merkels Rolle in der Weltpolitik durch den Wahlsieg von Donald Trump verändert?

Merkels Rolle in der Politik ist noch einmal größer geworden – faktisch und in der Wahrnehmung. Sie wird nach dem Abtritt von Barack Obama im Januar 2017 und der Schwäche der anderen großen EU-Partner als die letzte verbleibende Vertreterin einer großen freien, liberalen westlichen Demokratie wahrgenommen. Amerikanische Medien wie die "New York Times" schüren den Eindruck, sie sei "the last woman standing". Merkel selbst hält diese Überhöhung ihrer Person für "abstrus und grotesk" – und ein Beispiel, wie verzerrt Journalisten politische Realitäten wahrnehmen und beschreiben. Niemand, kein Politiker, könne eine solch überhöhte Rolle spielen.

Welche Einträge haben Sie für RIFF-Leser ausgesucht und warum?

Ich habe einige Einträge ausgesucht, die Teil des Lexikons sind und die wissenschaftsrelevanten Aspekte behandeln. Diese sind bei den Stichworten "Doktorarbeit", "Forschung", "Gentechnik", "Naturwissenschaften", "Risikoabwägung" und "Stammzellforschung".

Möchten Sie mit dem Buch etwas bewirken?

Das Buch hat den Zweck, für mich und andere ein komplexeres Bild von Merkel zu erzeugen. Es soll die Basis – oder einen Teil der Basis – bilden, auf der Merkel dann beurteilt werden kann. Unabhängig vom Sujet Merkel ist es der Versuch, die Debatten über Politik angesichts der Talkshow- und Behauptungskultur wieder stärker zu "erden" und auf eine Faktenbasis zurückzuführen.

Gibt es eine Frage, die Sie erst jetzt, nach Veröffentlichung des Buchs, beschäftigt?

Es bleibt nach dem Buch der Wunsch, mehr über das Thema Merkel und Gesundheit zu erfahren. In Deutschland gilt die Gesundheit von Politikern sehr stark als Teil der Privatsphäre. Dies halte ich teilweise für falsch. Alter und Gesundheitszustand sind zwar per se noch nicht aussagekräftig für die Eignung eines Politikers oder einer Politikerin. Aber wie die regionale Prägung bestimmen sie durchaus das Denken und auch das Weltbild von Personen.

Sie dürfen sich einen Leser wünschen – wer wäre das?

Eine schwere Frage bei diesem persönlichen Ansatz für das Buch. Erst dachte ich Joachim Sauer, weil er Merkel besser kennt als alle anderen und beurteilen kann, ob die Beschreibungen zutreffend sind. Aber jetzt würde ich klar sagen: Donald Trump. Und dann würde ich nach der Lektüre gerne wissen, wie sich sein Bild von Merkel verändert hat, positiv oder negativ.....

Haben Sie eine Vermutung, wie Angela Merkel darauf reagieren wird, dass im klassischen Wissenschaftsland USA nun eine feindselige Stimmung gegenüber der Forschung herrscht?

Warten wir ab, ob die Stimmung wirklich so bleibt oder es nicht auch eine Gegenbewegung gegen wird. Ich denke, sie wird versuchen, an ihrem Kurs dennoch festzuhalten. Letztlich kann dies auch eine Chance für den Wissenschaftsstandort Deutschland und EU sein. Aber ich zweifle, ob sie offen Wissenschaftler aus den USA abwerben würde. Den Hinweis auf gute oder wachsend bessere Arbeitsbedingungen hierzulande könnte es allerdings schon geben.

Wird Angela Merkel dem Druck der USA nachgeben, den Klimaschutz von der Liste der wichtigen internationalen Themen zu streichen. Beim Finanzministertreffen ist dies den USA ja offenbar schon gelungen.

Nein, da erwarte ich keinen Kurswechsel – eher die Betonung, dass man wieder einen langen Atem bei der Auseinandersetzung über Klimaschutz haben muss. Man darf nicht vergessen, dass es mit George W. Bush ähnliche Debatten gab. Das kennt Merkel also schon. Allerdings gilt bei G20-Erklärungen eben das Prinzip der Einstimmigkeit. Jedes Land kann also verhindern, dass irgendwelche Formulierungen verabschiedet werden. Zur Erinnerung: G20-Communiques sind nicht bindend. Der Rest der Welt kann also die US-Regierung nicht zum Einlenken zwingen – aber sehr wohl versuchen, auch den Amerikaner klar zu machen, dass sie isoliert sind. 

Andreas Rinke ist Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin und leidenschaftlicher Krimi-Fan. Sein Buch "Das Merkel-Lexikon" ist im Herbst 2016 beim Verlag zu Klampen erschienen und wird auf einem Autorenblog fortlaufend aktualisiert.

Das Aufmacherfoto von David Ausserhofer zeigt Angela Merkel bei einem Besuch im Max-Delbrück-Centrum Berlin (MDC) im Jahr 2011.

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