Pisa: Der schwierige Umgang mit einer uneindeutigen Studie

Was bedeutet die neue Pisa-Studie für die deutsche Bildungsdiskussion? Die Ergebnisse sind vielschichtig, aber es lassen sich dennoch Lehren ziehen. Von BildungsForscher Jan-Martin Wiarda

Tyler Olson / Shutterstock

08. Dezember 2016

Nahezu identische Leistungen beim Lesen, ein leichter, aber statistisch nicht signifikanter Abfall in den Naturwissenschaften und in Mathematik: Nach den vermeintlich so unspektakulären Ergebnissen der Pisa-Studie hat jeder mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen.

Erstens: die Journalisten. Sie tun sich schwer mit der Interpretation. "Plus minus null", befindet der Tagesspiegel lapidar. Die taz konzentriert sich auf die immer noch große Gruppe der Leistungsschwachen: "Nachsitzen bei der Chancengleichheit", die Süddeutsche Zeitung verkündet das "Ende einer Aufholjagd." Meine Kollegin Heike Schmoll kritisiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Pisa-Macher hätten die Vergleichbarkeit der aktuellen Ergebnisse mit früheren Runden aufs Spiel gesetzt. Tatsächlich mussten die Schüler die Aufgaben anstatt mit Stift und Papier erstmals am Computer lösen, was eine Verzerrung bedeute. Eine Verzerrung, die die OECD dann auch noch herunterspiele. Mein ZEIT-Kollege Thomas Kerstan geht noch einen Schritt weiter und meint, wegen der neuen Methode wisse keiner "genau, ob die deutschen Schüler im Vergleich zu 2012 besser oder schlechter geworden sind." Damit stehe eigentlich nur ein Verlierer der Studie fest: "die Studie selber."

Zweitens: Andreas Schleicher. Der OECD-Bildungsdirektor, in der Vergangenheit häufig als "Pisa-Papst" tituliert, versuchte in den vergangenen Tagen und Wochen eine Art argumentativen Spagat. Einerseits lobte der Deutschland für die Reformfreudigkeit der vergangenen Jahre, etwa bei der Vorstellung des Berichts "Bildung auf einen Blick", andererseits beobachtet er, "dass der Abschwung in den vergangenen Jahren wieder abgeflaut ist – und das ist langfristig sehr schade." Entsprechend zurückhaltend deutet die OECD auch die gestrigen Ergebnisse: Deutschland bewege sich seitwärts auf einem "Hochplateau", von einer Aufstiegsdynamik sei aber nichts mehr zu spüren. Inoffiziell hört man aus OECD-Kreisen die Erwartung, dass die aktuelle Stagnation Vorboten eines Leistungsabfalls sein könnte. Aber, und das ist Schleichers Baustelle, wie vermittelt man das einer deutschen Öffentlichkeit, die – personifiziert etwa durch die Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, Cornelia Quennet-Thielen – weitere "überschnelle Reformen" ablehnt?

Strategisch vernünftig wäre es, den Schulen aktiv neue Freiheiten einzuräumen

Drittens: die Bildungsforscher. Sie konstatieren ebenfalls, dass die Stimmung an den Schulen nennenswerte Strukturveränderungen nicht mehr hergibt. Was also tun? Kristina Reiss, Bildungsforscherin an der Technischen Universität München und Leiterin des deutschen Pisa-Konsortiums, trat gestern die Flucht nach vorne an: Es müsse jetzt darum gehen, die konkrete Unterrichtsqualität zu verbessern. "Die großen Systemfragen sollten wir dagegen nicht mehr stellen." Ein erstaunlicher Satz, wenn man sich zum Beispiel vor Augen hält, dass die Gruppe der Risikoschüler zwar geschrumpft ist in den vergangenen 15 Jahren, aber sich immer noch auf hohem Niveau bewegt. Und doch ist es ein Satz, der realpolitisch vernünftig ist. So gehört zu den erstaunlichsten und erschreckendsten Ergebnissen der Bildungsforscher, dass sich trotz aller guten Ansätze und Ideen die konkrete Unterrichtsstruktur in den Naturwissenschaften seit 2006 kaum verändert hat. Immer noch vermissen die Schüler die Beziehungen zur realen Welt, in zwei Dritteln der Unterrichtszeit gebe es überhaupt keine Experimente, berichten die Forscher. Also heißt die Devise künftig: Lasst die Schulformen heißen, wie sie heißen, seht zu, dass die Art, wie unterrichtet wird, sich verändert. Die Ironie: Denkt man dieses Ziel zu Ende, steckt darin natürlich die viel größere Reform. Kein Wunder, dass sie bisher nicht wirklich angepackt wurde.

Zum Schluss eine Prognose: Weil die Pisa-Ergebnisse so schwierig zu interpretieren sind, wird die Debatte darüber in wenigen Tagen abflauen. Der Druck ist nicht da, und die so richtige wie wohlfeile Aussage, jetzt müsse man dringend an die Unterrichtsqualität ran, wird verhallen. Denn wenn sich schon in den vergangenen 15 Jahren trotz einer enorm hohen öffentlichen Aufmerksamkeit so wenig an den Methoden geändert hat, warum sollte das in den nächsten Jahren, die bildungspolitisch gemächlicher ablaufen werden, passieren? Die Meinung, man müsse jetzt nur mal die Schulen machen lassen, ist allenfalls eine Hoffnung; eine schulpolitische Strategie ist sie nicht. Strategisch vernünftig wäre es, den Schulen aktiv neue Freiheiten einzuräumen, um neue Konzepte auszuprobieren, und zwar sowohl von den Schulstrukturen her wie von der Unterrichtsgestaltung. Von den Schulen zu erwarten wäre umgekehrt, dass sie sich die schon vorhandenen Freiheiten nehmen, um besser auf die zunehmende Vielfalt ihrer Schüler einzugehen. Vielerorts tun sie es längst, aber im Durchschnitt aller Schulen, so zeigen die Ergebnisse nicht nur der gestrigen Studie, klappt die Individualisierung des Unterrichts fast nirgendwo so schlecht wie in Deutschland.

So schade es ist, wenn die Debatte um Pisa und die Folgen für die Schulentwicklung schnell abebben wird, einen Aspekt möchte ich tatsächlich am liebsten gar nicht mehr hören. Und zwar die Ausrede, eigentlich wären die deutschen Schulen ja viel besser, wenn die Politik sie nur nicht mit Themen wie Inklusion und Integration belasten würde. Die moderne Gesellschaft ist, wie sie ist, und wir haben nur diese eine. Das zu akzeptieren ist die Voraussetzung jeder guten Schulentwicklung. Umgekehrt gilt: Ein Schulsystem, das derlei Ausreden nötig hat, hat ganz andere Probleme.

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