Das Atomkraftwerk auf der Pfaueninsel

Sebastian Petrich rekonstruiert einen erstaunlichen Fall moderner Mythenbildung.

Kyslynsky/Deposit

14. April 2017

Im äußersten Südwesten Berlins umspült die Havel ein Stückchen Hauptstadt, das gleichermaßen Museum und Naturschutzgebiet ist. Wie die Kurfürsten von Brandenburg und späteren Könige von Preußen auf der Pfaueninsel die Geheimnisse der Goldproduktion erforschen, Lustschlösser errichten, exotische Tiere sammeln und den Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné seine bis heute bewunderten Sichtachsen anlegen ließen, steht alles in einem Wikipedia-Eintrag, den die Wikipedia-Community als lesenswerten Artikel bewertet. Nicht wenige dürften nach Lektüre die Pfaueninsel auf ihre Liste jener Orte setzen, die sie noch besuchen möchten. Und die allermeisten, die den Text vollständig bis zum Ende gelesen haben, werden wohl aufatmen und sich sagen: Gut, dass die Geschichte einen anderen Lauf genommen hat. Denn der letzte Abschnitt vor dem Literaturverzeichnis informiert uns unter der Überschrift "Planungen zur Insel" darüber, dass der West-Berliner Senat unter Willy Brandt um 1960 ein Atomkraftwerk (AKW) auf der Pfaueninsel plante.

Tertiärquellen, die Sekundärquellen zitieren

Ein Atomkraftwerk ausgerechnet dort? Das hätte das Ende der Publikumsattraktion Pfaueninsel bedeutet: die Schlosstürme von Kühltürmen verdeckt, die frei laufenden Pfaue eingefangen und weggebracht, die jahrhundertealten Eichen gerodet, das Betreten der Insel streng verboten … Selbst für eine so fortschrittsbegeisterte Epoche wie die beginnenden Sechziger scheint ein solches Vorgehen doch etwas surreal zu sein. Und es stellt sich eine bedeutende praktische Frage: Würde man wirklich eine große Industrieanlage auf einer Insel bauen, wo man zunächst eine teure Brücke errichten müsste? 

Zugegeben, angesichts der prekären Energieversorgung in der isolierten Halbstadt West-Berlin – die Erinnerungen an die Blockade von 1948/49, als die "Rosinenbomber" wesentlich mehr Kohle als Lebensmittel in die Stadt bringen mussten, waren noch frisch – war die Kernenergie eine Option mit gewisser Strahlkraft. Aber wollte der West-Berliner Senat wirklich dafür die Pfaueninsel opfern? Dass Brandts Leute ausgerechnet diesen Ort auswählten, erscheint zweifelhaft. Beginnen wir also einen kleinen Faktencheck.

Die fragliche Passage fand im März 2013 ihren Weg in die Wikipedia. Anders als viele andere Details des Artikels ist sie immerhin mit einem Quellenverweis versehen, auch wenn es nur eine Sekundärquelle ist: "Joachim Radkau, Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft. Zitiert in VDI nachrichten: Atomkraft auf der Berliner Pfaueninsel. Nr. 11, 15. März 2013, S. 4." Haben Sie zufällig das zitierte Buch griffbereit? Nein? Dann sehen wir doch einmal, was das Internet zu dieser Frage sagt. Die Google-Suche nach atom + pfaueninsel beziehungsweise kernkraft + pfaueninsel und akw + pfaueninsel bringt tatsächlich mehrere Treffer aus seriösen Medien, die die Atompläne für die Pfaueninsel zu bestätigen scheinen: ZEIT, Süddeutsche Zeitung, Deutschlandradio Kultur und VDI nachrichten. All diese Beiträge gehen nicht weiter auf die Baupläne ein, sondern nutzen sie lediglich, um den sorglosen, aus heutiger Sicht völlig unverständlichen Umgang mit der Atomtechnologie zu illustrieren.

Schloss auf der Pfaueninsel
Kühltürme statt Schlosstürmchen? Auf der Pfaueninsel war das nie eine Option.
Christian Schwägerl

Weil das Beispiel Pfaueninsel so gut passt, verwenden es zwei von ihnen auch in der Überschrift beziehungsweise in einer Zwischenüberschrift, also an durchaus prominenter Stelle. Und noch eine Gemeinsamkeit: Sie alle erschienen 2011 oder 2013 und berufen sich ausschließlich auf den Historiker Joachim Radkau, entweder auf das bei Wikipedia indirekt zitierte Buch von 2013 oder auf das 2011 erschienene "Ära der Ökologie". Weitere Quellen? Fehlanzeige.

"Eine Quelle ist keine Quelle", lautet eine journalistische Sorgfaltsregel

Informationen gelten als belegt, wenn sie von zwei Quellen bestätigt werden – unabhängig voneinander. Findet sich keine zweite Bestätigung, so steht die Story möglicherweise auf wackeligen Beinen. Wenn sich aber kein zweiter Hinweis auf ein geplantes AKW auf der Pfaueninsel findet? Dann sollten wir die erste Quelle, in unserem Fall Radkau, umso gründlicher prüfen. Dank der Fernleihe braucht man dafür noch nicht einmal eine gute öffentliche Bibliothek in der Nähe. Ich besorge mir also "Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft" und werde auf Seite 260 fündig.

Als Standort war für das Kernkraftwerk der Südteil der Wannsee-Insel (Pfaueninsel) vorgesehen: Auf diese Weise war das Kraftwerk zwar von dem größten Teil der West-Berliner Wohngebiete durch den Grunewald getrennt, aber bereits in einem Kilometer Entfernung begannen Wohnviertel der DDR
heißt es hier ohne Quellenangabe.

Wannsee-Insel Pfaueninsel? Seit wann liegt die Pfaueninsel im Wannsee? Ein kurzer Blick auf den Stadtplan zeigt, dass es keine einzige Insel im Wannsee gibt. Oder doch? Im Zeitalter der Fake News möchte man lieber ganz sicher sein und tippt den Begriff "Wannsee-Insel" in eine beliebige Suchmaschine – und stößt auf einen erhellenden Wikipedia-Eintrag. "Als Insel Wannsee (auch Wannsee-Insel) wird heute ein von Gewässern der Havel umschlossenes Gebiet im Südwesten von Berlin (…) bezeichnet."

Wenn man den Bus vom S-Bahnhof Wannsee in Richtung Ortsteil Wannsee nimmt und die Wannseebrücke passiert, so kommt man tatsächlich in ein Gebiet, das technisch gesehen eine Insel ist: begrenzt von der Havel im Norden, vom Teltowkanal im Westen, von Griebnitzsee, Stölpchensee und Pohlesee im Süden und vom Kleinen und Großen Wannsee im Osten. Nun trägt diese Insel ihren Namen aber nicht etwa deshalb, weil sie im Wannsee liegt, sondern weil sie den Ort Wannsee beherbergt.

ier gibt es in der Tat einen kleinen Reaktor: Das Helmholtz-Zentrum Berlin aus der Vogelperspektive.
HZB

Wenn Sie jetzt schon den Stadtplan studieren, um die Wannsee-Insel ausfindig zu machen, dann sehen Sie doch bitte einmal ganz genau hin. In der Mitte der Insel (südlich der Königstraße) verzeichnet der Stadtplan eine auffällige Bebauung mit der Beschriftung "Helmholtz-Zentrum Berlin/Lise-Meitner-Campus". Erinnerungen aus dem Physikunterricht kommen hoch: Hat diese Lise Meitner nicht zufällig etwas mit Atomen zu tun? Bitte zoomen Sie noch näher, denn dann lesen Sie dort auch "Forschungsreaktor BER II". Ja, Berlin leistet sich nicht nur einen Nichtflughafen, sondern auch einen kleinen Reaktor, der auf den Namen BER hört. Nomen est omen: Auch im Forschungsreaktor kommt es gelegentlich zu Pannen.

Eine simple Verwechslung

Sollte unsere einzige Quelle für das West-Berliner AKW-Projekt etwa die Wannsee-Insel mit der Pfaueninsel verwechselt haben? So sieht es aus, denn ausführliches Suchen führt doch noch zu einer zweiten Quelle. Katja Roeckner und Jan Sternberg haben 2012 das dünne, aber äußerst lesenswerte Buch "Berlin atomar. Die Atomkraftwerkspläne für die Hauptstadt" veröffentlicht. Dort beschreiben sie, wie und (in diesem Zusammenhang wichtiger) für welchen möglichen Standort der landeseigene Stromversorger Bewag ab 1959 die Pläne eines 150-Megawatt-Druckwasserreaktors vorantrieb. Vorgesehen war ein Waldstück auf der Wannsee-Insel westlich des Ortsteils Wannsee. Adresse: Im Jagen 72. Direkter Nachbar: das Hahn-Meitner-Institut (heute Helmholtz-Zentrum Berlin), das dort seit 1958 den Forschungsreaktor BER I betrieb. Bei ihren Aussagen stützen sich Roeckner und Sternberg auf Akten aus dem Bewag-Archiv.

Da vieles für die Roeckner-Sternberg-Variante spricht, fragen wir doch am besten Joachim Radkau, wie er auf die Pfaueninsel als geplanten AKW-Standort kommt. Der emeritierte Geschichtsprofessor der Universität Bielefeld und wohl bedeutendste Chronist der Umwelt- und Technikgeschichte in Deutschland antwortet schnell, offen und völlig unprätentiös auf meine E-Mail. In den Akten, die ihm vorlagen, sei nur von "Wannsee-Insel" die Rede gewesen und er habe als Nicht-Berliner halt gedacht, es könne sich nur um die Pfaueninsel handeln – sorry! 

Zur Frage nach seinen Quellen verweist er auf sein 1983 erschienenes Buch "Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft", in dem die Pfaueninsel-Passage erstmals veröffentlicht wurde. Da können wir wohl von Glück reden, dass wir in den Achtzigern noch kein Internet hatten, sonst hätte sich die Legende vom AKW auf der Pfaueninsel möglicherweise schon viel früher verbreitet und noch stärker verfestigt – Mythen wie die aufgrund ihrer Kacheln angeblich "Stalins Badezimmer" genannte Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin lassen grüßen.

Wer ist schuld?

Hat sich der Autor Radkau, der mit besten Absichten, aber ohne jeden Beleg die Pfaueninsel ins Spiel brachte, nun der Legendenbildung schuldig gemacht? Ja, aber er trägt nicht allein die Verantwortung dafür, dass eine absurde Fiktion mehr durchs Internet geistert. Mit Rowohlt, C. H. Beck und Oekom haben drei renommierte Verlage die Ausgaben von 1983, 2011 und 2013 veröffentlicht. Haben sie im Lektorat "nur die formalen Sachen" prüfen lassen? Natürlich lassen sich Irrtümer nie ganz vermeiden, aber Lektorinnen und Lektoren sind Rechercheprofis – wenn man sie denn mit dem Faktencheck ausdrücklich beauftragt und dafür bezahlt. Das gilt freilich nicht nur für die Buchbranche, sondern für alle, die publizieren: Es schadet nie, unabhängige Dritte einen Blick auf die geplante Veröffentlichung werfen zu lassen und auch den Inhalt einem Plausibilitätscheck zu unterziehen.

Eine nicht geringe Verantwortung für die Legendenbildung tragen diejenigen Journalisten, die die Anekdote über den vermeintlichen AKW-Plan Pfaueninsel weiterverbreitet haben. Sie konnten sich nur auf eine einzige Quelle stützen, hielten aber keinen Moment inne, um zu überlegen, ob dieses schöne Beispiel wirklich plausibel ist. Warum taten sie das nicht? Weil es so herrlich absurd und brutal ist. Es passt einfach zu gut, um die naive Atomeuphorie der Fünfziger zu beschreiben. Genauso gut hätte man aber auch behaupten können, Franz Josef Strauß habe als Atomminister einen Reaktor im Englischen Garten zu München oder an der Außenalster in Hamburg geplant – Hauptsache, die Leute runzeln die Stirn.

Muss die Geschichte der Atomkraft in Berlin nun umgeschrieben werden? Das nicht gerade. Denn ob Pfaueninsel oder Wannsee-Insel – das Vorhaben scheiterte. Nicht wegen grundsätzlicher Bedenken gegen ein AKW am Rande einer Großstadt und erst recht nicht aus Natur- und Denkmalschutzgründen, sondern aus politischen Erwägungen. Die Bundesregierung in Bonn weigerte sich 1962, die Finanzierung zu übernehmen, nachdem ihr klar wurde, dass bei einer Havarie Hunderttausende Menschen aus West-Berlin binnen Stunden hätten evakuiert werden müssen. Dies hätte wenige Monate nach dem Mauerbau unvorstellbar viel Kooperation mit der DDR bedeutet. Und auch den Westalliierten war klar, dass ein AKW in unmittelbarer Mauernähe das Verhältnis zur Sowjetunion in der heißesten Phase des Kalten Kriegs nicht gerade verbessert hätte. Nachzulesen ist das alles bei Radkau. Abgesehen von dem Pfaueninsel-Detail hat der Historiker gründlich gearbeitet.

Sebastian Petrich arbeitet als Texter und Redakteur. Er ist im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren e.V. (VFFL) aktiv, der mit RiffReporter beim Thema Qualitätssicherung kooperiert.

Text und Faktenprüfung Sebastian Petrich, Redaktion Christian Schwägerl

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