“Die Weltbürger kommen inzwischen mehrheitlich aus den Schwellenländern”

Ein Interview mit dem in New York lebenden Künstler Ingo Günther, der mit Globen die Geschichten unserer Zeit erzählt.

Ingo Günther/Worldprocessor

30. Dezember 2016

“Globalismus” – die Idee weltweiter Verbundenheit liegt der modernen Wissenschaft wie auch dem Klimaschutz zugrunde, sie gehört zum Wesen des Internets. Doch 2016 haben mächtige Politiker den Globalismus zum Feind auserkoren. Nicht nur vom ökonomischen Prozess der “Globalisierung” sprachen die britische Premierministerin Theresa May und der künftige US-Präsident Donald Trump in ihren Reden, sondern gezielt vom Globalismus, also einer größeren Idee. Donald Trump hat es vor kurzem so formuliert: “Es gibt keine Welthymne. Keine Weltwährung. Kein Zertifikat für Weltbürgerschaft. Wir schwören auf nur eine Flagge und das ist die amerikanische Flagge.”

Globalismus in der Krise? Dazu haben wir den in New York lebenden Künstler Ingo Günther befragt. Er nutzt Globen als Medium. Mit ihnen erzählt er die Geschichten unserer Zeit. Viele Hundert Globen hat er bereits in seinem Projekt “Worldprocessor” geschaffen, er hat damit Themen wie Flüchtlingsströme, Rohstoffvorkommen, Patentrechte, Vermögensverteilung greifbar gemacht.

Günther, Jahrgang 1957, war an der Staatlichen Akademie Düsseldorf Meisterschüler von Nam June Paik. Er hat als Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln, der Zürcher Universität der Künste und der Universität der Künste Tokio gearbeitet. Seine Werke wurden unter anderem in der Berliner Nationalgalerie, auf der Biennale in Venedig und der documenta 8 in Kassel sowie im Guggenheim Museum in New York gezeigt. 2016 wirkte Günther unter anderem als Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und als künstlerischer Direktor eines der ältesten Zen-Tempel von Tokio.

Der Künstler Ingo Günther
Der in New York lebende Künstler Ingo Günther nutzt Globen als künstlerisch-journalistische Medien.
Bernd Echtermeyer/mit frdl. Genehmigung Ingo Günther

Die britische Premierministerin Theresa May hat nach dem Brexit-Votum behauptet, wer sich als Weltbürger verstehe, der sei “ein Bürger von Nirgendwo”. Wie wirkt das auf Sie?

Das ist so ein twitterfähiges Statement. Sagt alles und nichts. Als der vielleicht erste Weltbürger hat Diogenes die Verpflichtung dem Staat gegenüber in Frage gestellt und sich als Kosmopolit identifiziert. Damit hat er die Grundlage für so etwas wie Humanismus und Menschlichkeit geliefert, also eine primäre Loyalität der Menschheit gegenüber. In Deutschland und Russland ist einer Umfrage der BBC zufolge die Weltbürgerselbstidentifizierung seit 2009 massiv rückläufig. Aber das ist nicht so in anderen Teilen Europas – und schon gar nicht auf anderen Kontinenten.

Auch Donald Trump hat den Globalismus zum Feind erklärt. Woher kommt diese neue Welle?

Gerade Trump ist, wie auch wir alle, vor allem Nutznießer der Globalisierung, auch wenn wir die Begleiterscheinungen gern kritisieren. Aber erstmal verkauft sich so eine Kritik gut, denn mit Globalisierung ist auch die Angst vor dem Fremden und vor all dem verbunden, was kulturell nicht mehr passt, mit einem Unwohlsein, was man nicht so einfach mit der Logik des geringeren Übels adressieren kann, oder damit, was wir alles ohne die Globalisierung aufgeben müssten. Aber ich bin sicher: Das Pendel wird auf irgendeine Weise bald wieder zurückschwingen. Aber wann und auf welche Weise, das ist die Frage.

Warum haben Sie Ende der 1980er angefangen, Globen für Ihre Kunst zu nutzen?

Die Menschen mögen diese farbigen, leuchtenden, 30 Zentimeter großen Kugeln einfach. Ich habe gemerkt, dass Globen eine Art mehrheitsfähige Plattform sind. Ich denke, das hat auch etwas damit zu tun, dass meine Globen etwa so groß wie ein menschlicher Kopf sind. Man kann quasi einen Dialog mit der handlichen, auf menschliche Dimension geschrumpften Welt führen. Das Gute am Globus ist, dass er eine gewisse emotionale Zugänglichkeit zu globalen Themen ermöglicht. Natürlich ist alles, was auf ein Vierzigmillionstel reduziert wird, auch abstrahiert. Darin liegt auch meine Herausforderung – etwas zu zeigen, was auch in dieser massiv reduzierten Dimension noch stimmt und irgendwie brauchbar ist.

Sind Ihre Globen Kunst oder eher dreidimensionale Infografiken?

Kunst sind sie vielleicht im konzeptionellen Sinn und weil immer wieder eine neue bildsprachliche Form für jeden Globus gefunden werden muss. Die Hauptarbeit aber liegt in der Themenwahl und der Recherche, denn die Arbeit hat ja keinen individuellen Ausdrucks- oder Meinungswert, sondern soll vor allem informieren und erinnerbar sein. Die Arbeit an den Globen ist viel mehr Journalismus als Kunst.

Globus [398] Landwirtschaftliche Nutzflächen, 2016. Der Globus zeigt die landwirtschaftlichen Nutzflächen der Erde. Die Hälfte wird für den Anbau von Tierfutter verwendet, 3 Prozent für pflanzliche Treibstoffe.
Globus [397] Mauern, Zäune, Barrieren, 2016. Weiße Linien zeigen Grenzmauern oder -zäune, die fertiggestellt oder in Bau sind. Gepunktete Linien zeigen geplante Barrieren. Das Land, das die Barriere errichtete, wird mit einem Code benannt.
Globus [381-2]: Milliardäre 2015. Jeder Kreis steht für einen Milliardär mit einem Vermögen von mehr als 10 Milliarden US-Dollar über seinem jeweiligen Heimatland.
Globus [396] Potentieller Anstieg des Meeresspiegels. Diese Gebiete wären überschwemmt, wenn der Meeresspiegel um fünf Meter ansteigen würde. Das wird sicher in diesem Jahrhundert nicht geschehen, aber Sturmfluten und Hurrikane können zeitweise für solche Bedingungen sorgen.
Globus [138-8] Friedfertige Länder nach dem 2. Weltkrieg, 2016. Der Globus zeigt die Länder, die nach dem 2. Weltkrieg nicht in kriegerische Handlungen und Konflikte involviert gewesen sind.
Globus [217-7] Stau 2016: Autos 130x um die Welt, 2016. Wenn man alle Autos aneinanderreihen würde, würden sie die Erde 130 Mal umrunden. Die Spirale zeigt den Grad der Motorisierung zu verschiedenen Zeitpunkten, mit einer Projektion für das Jahr 2020.

War 2016 das Jahr, in dem der Globalismus starb?

Vielleicht war 2016 auch nur ein letztes Aufbäumen nationalistischer Nostalgie und kultureller Verunsicherung. Weltweite Verbundenheit ist ein Phänomen, das vor allem technologiegetrieben ist. Wir haben dazu eine Ideologie entwickelt, die wir Globalismus nennen. Globalität ist eine bessere Zustandsbeschreibung. Sie ist eine industrielle, planetare Realität. Aber mit Kultur oder ideologischen Konzepten hat das erstmal noch nichts zu tun, auch wenn Handel und Menschenverschiebungen zu transkulturellen Kontakten und zu einer Durchmischung führen. Eine globale Kultur haben wir nicht und in diesem Sinne auch keinen “real existierenden” Globalismus. Aber es gibt globale Normen und Institutionen, die damit funktionieren, vom Flugverkehr bis zur UNO und zur Geldwirtschaft, und so weiter. 

Das Globale gegen das Nationale oder Lokale zu setzen führt zu einer falschen Dichotomie. Es ist eher die Geschwindigkeit, in der sich die Strukturen verändern, mit dem die Kulturen nicht mehr Schritt halten können. Da steht die digitale gegen eine analoge Beschleunigung. Ganz klar, dass es da zu massiven Verwerfungen kommen muss. Da zeichnet sich allerdings auch keine Verbesserung ab. Eher das Gegenteil, denn die Veränderungen kommen immer schneller und die Kultur kommt immer weniger mit.

Was ist eigentlich das Gegenteil von Globalismus?

Tribalismus. Nationalismus meint ja fast das gleiche – aber jede Nation ist heute multinational. Das Nationalismuskonzept funktioniert nur in der nostalgischen Erinnerung. Außer vielleicht in Nordkorea. Aber funktionieren kann man das schwerlich nennen.

Ich war – und bin es immer noch – von der Weitsichtigkeit und Klarheit der Analyse von Benjamin Barbers in "Jihad vs. McWorld" beeindruckt. Barber hat dort schon in den 1990er Jahren beschrieben, wie die Welt zwei diametral entgegenwirkenden Kräften der neuen Kommunikationstechnologien ausgeliefert ist. Einerseits wird sie immer dichter und homogener, während sie gleichzeitig durch Parzellierung in kleinste Identitäts-und Interessengruppen auseinander fällt.

Sind Ihre Globen Formen von Zeitkritik?

Wenn man richtig hinschaut sind die meisten Globen Verkörperungen guter Nachrichten. Ursprünglich war die Arbeit durchaus kritisch gemeint und versuchte vor allem globalen Kontext zu lokalen und nationalen Nachrichten zu liefern. Aber inzwischen kann man aus makroskopischer Sicht den Zustand der Welt als eine fantastische Errungenschaft erkennen, denn fast all die Ziele, von denen die Menschen vor 50 Jahren wirklich nur träumen konnten, sind erreicht und all die Schreckensszenarien – von Atomkrieg bis Energiekollaps und Überbevölkerung mit Hungersnöten – sind nicht eingetreten. Aber das scheint kaum jemand mitzubekommen und gute, langsame, Nachrichten verkaufen sich nicht. Dazu kommt, dass diese Sichtweise erst mal mit einer unkritischen, systemimmanenten Ja-Sager Mentalität assoziiert und diskreditiert wird. Tausende schlechter Nachrichten und die mediale Teilnahme an katastrophalen Einzelschicksalen lassen den gemütlich zufriedenen Blick auf dieses humanistische Gesamtwerk kaum zu. Wir sind damit als Menschen überfordert. Das ist ein Dilemma unserer Zeit. Die apokalyptische Weltwahrnehmung wird zu einer selbsterfüllenden Erwartungshaltung.

Sie sprachen von einer Gegenbewegung, wenn das Pendel wieder in die andere Richtung schwingt. Wird sie von der jungen Generation kommen?

Fragt sich, wie so eine Verteidigung von Globalismus aussehen würde. Indem man “ganz bewusst” Popmusik anderer Länder hört? Ich denke, da sind andere Kräfte am Werk. Die Menschen sehnen sich genauso nach familiärer Geborgenheit, wie nach der Offenheit und Grenzenlosigkeit einer internationalen Gemeinschaft. Die Weltbürger und Verteidiger dieser Idee kommen inzwischen mehrheitlich aus den Schwellenländern, die gerade eine rapide ökonomische Entwicklung durchmachen und sehen Weltbürgerschaft als die magische wundervolle Weltoffenheit die über die nationalen, administrativen, ökonomischen und religiösen Schranken hinweg hilft.

Wenn Sie einen Globus mit dem Namen “2016” schaffen sollten, wie würde er aussehen?

2016 ist eine Nicht-Kategorie für mich. Noch muss ich nicht mein Geld mit Jahresendzeitkugeln verdienen.

Und “2017”?

Den gibt es schon, wenn auch bisher nicht so betitelt. Komplett weiß, noch nichts drauf, auch wenn die Weichen in gewisse Richtungen gestellt zu sein scheinen.

Globus [357-3] Reichweite von Atomwaffen, 2012. Der innere Kreis zeigt die Reichweite erprobter Trägerraketen für Nuklearsprengköpfe, der äußere Kreis die Reichweite neuer, noch ungetesteter Waffensysteme.
Globus [241-4] 3 Hour US Air Force Range, 2011. Der größte Teil der Erdoberfläche kann aufgrund des globalen Netzwerkes von Luftwaffenstützpunkten und Flugzeugträgern von US-amerikanischen Kampfjets innerhalb von maximal drei Stunden erreicht werden.
Globus [115-2] Feuchtgebiete, 2016. Marschgebiete, Sümpfe, Moore und ähnliche Flächen sind Lebensraum für einen Großteil der bedrohten Tier- und Pflanzenarten.
Globus [247-3] Entwicklungshilfe, 2012. Die schwarzen Linien sind unterschiedlich breit, je nach der Höhe der Entwicklungshilfezahlung (Stand 2010). Empfängerländer sind in Grün dargestellt.
Globus [111] Wichtigste Flüsse, o.D.. Die großen Flüsse der Welt durchziehen die Erdoberfläche wie feine Adern.
Globus [66] Die Erde in 80 Sprachen, o.D. Die Sprachen sind relativ zur Zahl ihrer Sprecher unterschiedlich groß dargestellt.

Interview und Faktenprüfung: Christian Schwägerl/ Redaktion: Tanja Krämer