Meine Vogelbeobachtungen

Ausgewählte Artikel aus dem vogeljournalistischen Werk von Carl-Albrecht von Treuenfels. Folge 1: Bachstelze, 2001

Carl-Albrecht von Treuenfels

Die Bachstelze, um die es hier geht, ist ein Frühlingsbote. Bei "Flugbegleiter" kündet sie von einem neuen Projekt, das nach der Aufwärmphase seit Dezember nun auf den Launch unseres regelmäßigen Angebots Ende April hinführt: In loser Folge veröffentlichen wir ab jetzt Artikel aus dem umfassenden vogeljournalistischen Lebenswerk unseres Mitglieds Carl-Albrecht von Treuenfels. Unser Autor wurde 1938 in Schwerin/Mecklenburg geboren. Heute kann man ihn als Doyen des deutschen Vogeljournalismus bezeichnen. Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat er etwa 500 Beiträge verfasst – darunter Dutzende Porträts des jeweiligen "Vogel des Jahres".

Von Treuenfels war von 1990 bis 2004 Präsident des WWF Deutschland, seit 2008 ist er Vorstandsvorsitzender der von ihm initiierten Stiftung Feuchtgebiete. Bei der International Crane Foundation, in der Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland, als Schirmherr des Seeadlerschutzes in Schleswig-Holstein und in verschiedenen anderen Naturschutzorganisationen bemüht er sich seit Jahrzehnten, praktische Hilfe für den Natur- und speziell für den Vogelschutz zu leisten. 2006 wurde er für seine Verdienste mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Von Treuenfels ist Autor zahlreicher Bücher wie "Den Tieren zugeschaut", "Solange sie noch leben", "Abenteuer Naturschutz in Deutschland", "Sie alle brauchen Lebensraum", "Für unsere Natur", "Kraniche - Vögel des Glücks", "Unter Pandas und Pinguinen", "Zauber der Kraniche" und "Tierwelten".

Journalist zu sein gehörte zu seinen ersten Berufswünschen, doch tatsächlich arbeitete er dann im Hauptberuf als Anwalt und Notar. Geschrieben, fotografiert und veröffentlicht hat von Treuenfels allerdings seit seiner Schulzeit kontinuierlich – mit Fachkenntnis und Leidenschaft. Seine Texte sind damit ein wichtiges ornithologisches Zeitzeugnis, das von bedrohter Vielfalt erzählt.

Der erste Artikel in unserer Reihe stammt aus dem Jahr 2001. Damals war die Bachstelze noch deutlich häufiger anzutreffen als heute. Wie bei den meisten Singvögeln ist auch bei dieser Art eine starke Abnahme zu verzeichnen. Der "Atlas Deutscher Brutvogelarten" von 2014 vermerkt dazu: "Seit 1990 nahm der Bestand in Deutschland nach dem Monitoring häufiger Brutvögel bei kurzzeitigen Schwankungen um über 40 Prozent ab." So werden mancher Vogelfreund und manche Vogelfreundin in diesem Frühling vergeblich auf die Rückkehr eines vertrauten Bachstelzenpaares warten.

Ein alter Mann mit Fernglas.
Der Journalist und Vogelbeobachter Carl-Albrecht von Treuenfels ist seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Naturschützer.
privat

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Bachstelzen gehören zu den ersten Frühlingsboten (2001)

Den Winter haben sie in Südeuropa und Nordafrika verbracht. Jetzt sind die Bachstelzen wieder in ihre mittel- und nordeuropäischen Brutreviere zurückgekehrt. Wenn die ersten der zierlichen schwarz-weiß-grau gefiederten Singvögel zur Krokusblüte im März bei uns auftauchen, folgen bald andere Sänger. Vorher kann man rund um das Mittelmeer mit ihnen ein Spektakel der besonderen Art erleben.

Bis Ende Februar etwa, bei kaltem Nordwind auch noch in den ersten Märztagen, wiederholt sich seit dem Spätherbst das Schauspiel im Zentrum mancher südeuropäischen Stadt an jedem Spätnachmittag aufs Neue: Von allen Seiten des Umlandes fliegen kleine schwarz-weiß gefiederte langschwänzige Vögel einzeln oder in Gruppen zu einem Baum und landen auf dessen kahlen Zweigen. Der Besucher aus nördlichen Breiten, der das Schauspiel am Rand eines verkehrsreichen Platzes der westspanischen Provinzhauptstadt Cáceres zum ersten Mal sieht, kann es kaum fassen, wie schnell sich das Aussehen der Baumkrone verändert.

Fällt ein Starenschwarm im Geäst eines Baumes ein, wie es auch in Nord- und Mitteleuropa häufig zu beobachten ist, erhält dieser mit einem Schlag einen schwarzen Hut. Hier aber sind es Bachstelzen, die etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang damit beginnen, ihren Gemeinschaftsschlafplatz anzufliegen. Mit jedem der zierlichen Singvögel, der sich auf einem Zweig niederlässt, scheint aus diesem ein neues Blatt zu sprießen. Anfangs sind es einzelne Tiere, die mit ihrem bogenförmigen Flug die nächtliche Raststätte ansteuern. Doch je stärker das Tageslicht schwindet, desto dichter wird der Flugverkehr.

Bachstelzen bei Nacht auf einem Baum.
Im Winterquartier sammeln sich Bachstelzen zu Hunderten in Schlafbäumen.
Carl- Albrecht von Treuenfels

Nach der Nahrungssuche, der sie tagsüber im Umkreis einiger Kilometer der Stadt nachgehen, treffen sich die Vögel auf sogenannten Vorsammelplätzen, ordnen und pflegen dort ihr Gefieder und brechen dann in Gruppen zur letzten Etappe vor der Nachtruhe auf. Als es fast dunkel ist, treffen die letzten ein. Bei achthundert hat der staunende Beobachter aufgehört zu zählen. Weit mehr als eintausend kleine Federbällchen sitzen schließlich dicht beieinander.

Mitunter gibt es nächtliche Ausflüge

Sie werden von Straßenlaternen angestrahlt, und wenige Meter unter und neben ihnen braust der städtische Autoverkehr vorbei. Selbst Fußgänger, die einen nahen Bürgersteig benutzen, stören sie nicht, obwohl der Baum niedrig ist. Bis zum ersten Tageslicht bleiben die Bachstelzen in ihrem Schlafbaum sitzen. Dann verteilen sie sich wieder weiträumig zur Insektenjagd. Mitunter brechen allerdings einige auch mitten in der Nacht zu einem Ausflug auf.

Nicht nur in Cáceres sammeln sich Bachstelzen seit vielen Jahren im Winter zu Tausenden auf einem Schlafbaum. Rund um das Mittelmeer und in Afrika bis nach Mali, in den Tschad und in den Senegal gibt es an vielen Orten häufig jahrzehntelang genutzte Nachtquartiere. Die einen liegen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Menschen. Genauso gut finden sich Massenschlafplätze aber auch fern jeglicher Zivilisation in der Nähe von Gewässern, etwa in der Schilfzone von Seeufern oder in der Randvegetation von Bächen und Flüssen.

Ihr Name läßt vermuten, daß der bevorzugte Lebensraum der Bachstelzen das ganze Jahr hindurch nahe am Wasser ist. Die meisten der mehr als einhundert – zumeist volkstümlichen – Namen von Motacilla alba indes nehmen auf andere Aufenthaltsorte und auf ihr Aussehen

und ihr Verhalten Bezug. Als "Ackermännchen" und, auf plattdeutsch, als "Plogstert" sind sie dem pflügenden Bauern bekannt; Wippschwanz charakterisiert, wie der englische Name wagtail, die Angewohnheit des Vogels, andauernd mit dem langen Schwanz auf- und abzuschlagen. "Klosterfräulein" schließlich rührt wohl eher vom schwarzweißgrauen Gefieder her. Die vielen Bezeichnungen kommen nicht von ungefähr. Bachstelzen nämlich gehören in Mitteleuropa zu den häufigsten unter den Singvögeln, die sich fast überall zu Hause fühlen. Und sie gehören zu den ersten unter den Zugvögeln, die aus dem Winterquartier in ihre nördlich gelegenen Brutgebiete zurückkehren. Damit gelten sie seit jeher als Frühlingsboten.

Eine Bachstelze in Nahaufnahme.
Ein Vogel mit vielen Namen: "Ackermännchen", "Plogstert", "Klosterfräulein" – und Bachstelze.
Carl-Albrecht von Treuenfels

Noch bevor sich manche der großen Schlafgesellschaften im südlichen Europa auflösen und deren Mitglieder zum Teil geschlossen oder zumindest in großer Schar in nächtlichen Flugetappen nach Norden aufbrechen, treffen einzelne Bachstelzen im mittleren Deutschland gelegentlich schon in der zweiten Februarhälfte, mit Sicherheit aber Anfang März ein. Das sind diejenigen Vögel, die bereits in Frankreich oder in Oberitalien überwintert haben oder – in besonders milden Wintern – Süddeutschland nicht verlassen haben.

Das Weibchen macht möglichen Rivalinnen Beine

Eines Morgens sitzt einer von ihnen auf dem Rasen oder auf dem Dach und läßt, mit wippendem Schwanz, sein durchdringendes "zwiwiss" oder "zilipp" ertönen. Die Männchen, an den großflächigeren schwarzen Federpartien auf dem Kopf und an der Brust von den Weibchen zu unterscheiden, sind die ersten, die ihr Brutrevier beziehen.

Dann ist es mit der winterlichen Geselligkeit vorbei. Andere Männchen, die sich in unmittelbarer Nähe ansiedeln wollen, werden vertrieben. Hat sich eins der später vorüberziehenden Weibchen durch die Revierrufe und den leisen zwitschernden Balzgesang eines Bachstelzenhahns beeindrucken lassen und zur Jahresehe entschieden, macht auch sie möglichen Rivalinnen Beine.

Das Bachstelzenpaar läßt sich nach der Ankunft aus dem Winterquartier einige Wochen Zeit, bis es mit der Brut beginnt. Mit dem Nistplatz ist es wie bei den Schlafgesellschaften im Winter. Er kann in unmittelbarer Nähe zu menschlichen Aktivitäten, etwa auf einer belebten Dachterrasse oder in einer Autogarage, liegen, er kann sich aber auch genauso gut im Wurzelwerk eines Weidengebüschs an einem ungestörten Weiher befinden. Das Weibchen baut das Nest fast immer alleine, wird aber vom Männchen gelegentlich bei der Materialsuche unterstützt. Bis zu einer Woche dauert der Nestbau.

Bald darauf legt das Weibchen vier bis sechs, gelegentlich auch sieben oder acht Eier. Während der knapp zweiwöchigen Brut löst das Männchen seine Partnerin am Tag gelegentlich für kürzere Zeit ab. An der Aufzucht der Jungen, die noch einmal zwölf bis vierzehn Tage in Anspruch nimmt, beteiligt es sich indes mit vollem Einsatz. Dann sieht man beide Vögel von früh bis spät auf der Suche nach Insekten – am Boden, in der Luft und manchmal auch im seichten Wasser.

Eine Woche bis zehn Tage leiten die Eltern ihre Jungen auf der Jagd nach lebender Nahrung noch an und füttern zu, dann muß der anfangs fast gleichmäßig grau gefiederte Nachwuchs selbst zurechtkommen. Die Alten nämlich planen eine zweite, mitunter danach sogar noch eine dritte Brut. Die Jungen tun sich unterdessen mit gleichaltrigen Artgenossen zu Schlafgesellschaften im weiten Umfeld der Brutplätze zusammen, zu denen im Spätsommer oder Frühherbst die Altvögel hinzustoßen, bevor es ab in den Süden geht. Bis zu zehnmal kann eine Bachstelze, von der es zwölf Unterarten – darunter die auf den Britischen Inseln beheimatete Trauerbachstelze (Motacilla alba yarrellii) – gibt, den Herbst- und Frühjahrszug erleben; in Gefangenschaft sind Bachstelzen schon mindestens zwölf Jahre alt geworden. Ihrer Anpassungsfähigkeit und Fruchtbarkeit ist es bisher zu verdanken, daß auch durch die Jagd auf Singvögel und den Vogelfang in einigen südlichen Ländern unter ihnen angerichtete Verluste zum Teil wieder ausgeglichen werden.

Text und Faktenprüfung Carl-Albrecht von Treuenfels, Redaktion Christian Schwägerl