Knerbeln, girlen, gigitzen, zinzelieren

In "Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?" hebt Peter Krauss einen vergessenen Wortschatz. Von Johanna Romberg

Dresser, A History of the Birds in Europe. Mit frdl. Genehmigung des Verlags

In meinem Garten stehen zwei große Birken, darin versammeln sich an Sommerabenden bis zu 20 Elstern. Ich glaube, dass diese Birken für die Elstern-Population unseres Dorfes so etwas sind wie der Parkplatz des Penny-Supermarkts für die örtliche Jugend: ein informeller Treffpunkt, an dem man abends gemeinsam abhängen und chillen kann.

Wenn die Elstern sich in den Birken versammelt haben – es dauert immer etwas, bis jede ihren Lieblingsplatz gefunden hat – dann beginnen sie, sich zu unterhalten. Und zwar in Lauten, die anders klingen als das raue, manchmal etwas etwas nervtötende Geschacker, das Elstern sonst von sich geben. Sie schackern nicht, sie – ja, wie soll man das nennen? Es ist eher ein leises Schnicken, Schneckeln oder Schnuckseln, unterbrochen von etwas, das man in der Musik "glissando" nennt: ein ununterbrochenes Gleiten von oben nach unten und wieder herauf, sehr schnell, über mehr als eine Oktave hinweg. Als Zuhörerin hat man das Gefühl, dass diese Laute entspannte Vertrautheit ausdrücken, Zärtlichkeit, vielleicht auch ein bisschen freundschaftlichen Spott.

Aber wie genau nennt man sie, diese Laute?

Wer häufiger über Vögel redet oder über sie schreibt, kennt das Problem: Ihre "Sprache" ist mit menschlichen Worten nicht wirklich zu fassen. Natürlich kann man es mit Lautmalerei versuchen. "Zitrivi-si SWI-SWI-SWI-SWI ziwusö si ZRRRRRRR SWI-SWI-SWI sijö-ZERRRRR siWI" – so farbig beschreibt etwa der wunderbare Kosmos-Vogelführer von Lars Svensson den Gesang des Zaunkönigs. Bei der Elster kommt er mit weniger Silben aus: "tscha-ka! TschAH-tscha!" Über deren Gesang sagt Svensson nur, dass er "selten zu hören, leise, rau schwatzend" sei.

Wenn Wachteln fröhlich bickbewicken, ist die Landschaft noch in Ordnung

Leider sind Lautmalerei und ausführliche Umschreibungen keine Option, wenn man einen durchgehenden Text verfasst, der sich nicht in erster Linie an ornithologisch Interessierte richtet. Da bleibt nur, auf das zurückzugreifen, was der Alltagswortschatz für die Beschreibung von Vogellauten bereithält. Singen, rufen, zwitschern, gurren, schnattern, gackern, schackern, rätschen – es gibt schon einiges. Aber alle diese Verben sind allenfalls eine grobe Annäherung an die unglaubliche Vielfalt von Tönen, die Vogelkehlen und -schnäbel, zum Teil sogar Federn, hervorbringen.

Auf dieses Problem ist auch Peter Krauss gestoßen, Germanist, Romanist, Sinologe und Übersetzer. Dass er außerdem noch Jazzpianist ist, mag dazu beigetragen haben, dass er den Mangel an Worten für Vogellaute nicht nur sprachlich, sondern auch musikalisch unbefriedigend fand. Er beschloss, Abhilfe zu schaffen. Die liegt nun vor: in Form eines kleinen Buchs mit dem Titel "Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?". Es ist erschienen in der Reihe "Naturkunden", die Judith Schalansky beim Verlag Matthes & Seitz herausgibt. (Darin ist, unter anderem, auch eine Liebeserklärung an die Krähen erschienen, die unser Flugbegleiter-Kollege Cord Riechelmann verfasst hat, und die packende Geschichte der Wölfe von Flugbegleiterin Petra Ahne.)

Der Germanist, Romanist, Sinologe und Übersetzer Peter Krauss sitzt vor einem Haus.
Der Germanist, Romanist, Sinologe und Übersetzer Peter Krauss.
Marie-Helénè Desort, mit frdl. Genehmigung des Verlags

Der Untertitel "Handwörterbuch der Vogellaute" weist darauf hin, dass es sich um ein Nachschlagewerk handelt. 81 Vogelarten, -gattungen und –familien sind darin aufgeführt, von Adler über Blauracke, Gelbspötter, Kranich und Nachtigall bis hin zur Zwergschnepfe, schön illustriert und dankenswerterweise in alphabetischer Reihenfolge – so müssen sich die Leser nicht erst mit der wissenschaftlichen Nomenklatura vertraut machen. Welcher Nicht-Ornithologe weiß schon, dass etwa die Elster eine Krähenverwandte ist, die in der Großfamilie der Sperlingsvögel vor den Kreuzschnäbeln, aber hinter Würgern, Bülbüls und Drosslingen rangiert?

Krauss ist auch kein Ornithologe. Deshalb hat er sich für seine Vogelstimmenstudien weniger in die Natur begeben als vielmehr in die Bibliothek. Beim Übersetzen fiel ihm auf, dass das Französische etwa für den Ruf der Wachtel gleich mehrere farbige Verben zu bieten hat, während dieser Vogel in deutschen Texten immer nur "ruft" oder auch "singt" – vor allem Letzteres ist ein völlig abwegige Bezeichnung, wie jeder weiß, der schon mal eine Wachtel gehört hat. Um bessere, natur-gemäße Entsprechungen zu finden, schlug Krauss in alten Büchern nach, in ornithologischen Fachwerken, literarischen Naturbeschreibungen, Lexika und Jagdbüchern. Er fand die Verben schlagen, kreisten, kreisen, schmälen und, als Schönstes, bickbewicken. Das ist eine fast lautgetreue Wiedergabe des Wachtelrufs, und es zeigt, wie viele der im Buch aufgeführten Bezeichnungen entstanden sind: Menschen hörten einem Vogel zu, ahmten seine Laute nach und formten sie dann zu einem Wort um, das für die eigene Zunge halbwegs aussprechbar war.

Der ölige Geschmack der Rohrdommel

Je länger man das Buch durchblättert, desto stärker wird der Eindruck, dass die Menschen Vögeln früher viel aufmerksamer lauschten als heute. Jede aufgeführte Art oder auch Familie hat ihr eigenes Repertoire an Laut-Wörtern, und die meisten davon sind längst aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Wer weiß heute noch, dass Amseln nicht nur singen und flöten, sondern auch schnirpen, rollen, quirlen, tixen oder sogar orgeln? Dass Tauben, außer gurren, auch noch gurgeln, kirren, schnurren, rucksen und treibrucksen können? Wem fallen, beim Anhören von zwitschernden Schwalben, so ausgefallene Wörter wie knerbeln, girlen, gigitzen oder zinzelieren ein? Viele der Verben beziehen sich nicht auf den Gesang der Vögel, den ja nur die Männchen während der Balz- und Brutzeit anstimmen, sondern auf die Fülle von Lauten, die auch Weibchen und Jungvögel zu allen Jahreszeiten hervorbringen. Warn-, Lock-, Panik-, Erregungs- oder auch schlichte Kontaktlaute, die nichts weiter sagen als: Ich bin hier, wo bist du? Und diese leisen, zarten, für Menschenohren oft unauffälligen Laute, die Wohlgefühl und Entspannung ausdrücken – abends etwa, wenn die Vögel zusammen im Nest oder auf einem Baum hocken.

Man kann aus diesem Buch auch als Ornithologin einiges lernen; ich bin auf mehrere Beschreibungen von Lauten und Verhaltensweisen gestoßen, die mir bis dahin völlig unbekannt waren. So wusste ich nicht, dass Eulen bei Störung und Ärger mit dem Schnabel "knappen" oder "gnappen". Oder dass ältere Jungstörche in Bedrohungssituationen einen tiefen, auf uuuaaa vokalisierten Laut ausstoßen, den man als "grölen" bezeichnet. Ich habe auch noch nie einen Kiebitz "wuchteln" hören – das Verb bezeichnet ein Fluggeräusch, das von speziellen, zu Schallfedern umgebildeten Handschwingen erzeugt wird.

Auch dass Wachtelkönige quieken können wie abgestochene Schweine, und dass Auerhähne bei Rivalenkämpfen "rülpsen" und "kröchen", war mir neu. Das aber ist verständlich: Auerwild und Wachtelkönige sind mittlerweile so selten, dass man selbst als aufmerksamer Beobachter kaum Gelegenheit hat, ihre Stimmen zu vernehmen.

Zu den ergiebigsten Wortschatz-Fundgruben, schreibt Krauss im seinem Vorwort, gehören Jagdbücher. Das verwundert nicht: Vögel, die als Jagdbeute begehrt sind, sei es, weil sie gut schmecken oder schöne Trophäen abgeben, werden natürlich besonders intensiv belauscht. Deshalb sind bei Auer- und Birkhuhn, Bekassine und Taube jeweils über ein Dutzend Laut-Wörter aufgeführt. Manche alten Wörterbücher lieferten zusätzlich auch noch Anweisungen zur Zubereitung der erbeuteten Vögel und ihrem Geschmack. Der "Große Larousse" von 1905 etwa vergaß nicht zu erwähnen, dass Rohrdommelfleisch einen "öligen" Geschmack hat. Das nachzuprüfen, würde heute zum Glück niemandem mehr einfallen. 

Eine Elstern auf einer historischen Zeichnung.
Für die Stimme der Elster führt Krauss acht Bezeichnungen auf, darunter zetschen, gecken, schättern und tschadern.
Swaysland, Familiar Wild Bird/mit frdl. Genehmigung des Verlags

Weil Krauss auch Sinologe ist, bietet er seinen Lesern ein kleines, aber exquisites Extra-Feature: Alle Vogelnamen sind auch in chinesischen Schriftzeichen aufgeführt, mitsamt der – wörtlichen – deutschen Übersetzung. Und diese zeigt, dass die Schöpfer chinesischer Vogelnamen nicht nur aufmerksame Beobachter waren, sondern auch ebenso detailbewusste wie poetische Beschreiber. Hier einige besonders schöne Beispiele: „Rot Bauch Aschgrau Sperlingsvogel“ (Gimpel), "Mit Lanze in Loch stochern" (Bekassine), "Gras Boden Hoch Fliegen" (Baum- oder Wiesenpieper) und "Wasser Zwei Stelzen Vogel" (Regenpfeifer). Die Elster heißt auf chinesisch übrigens "Glückbringende Elster". In dieser Eigenschaft war sie mir bislang nicht bekannt, aber das ist ein Grund mehr, sich über die abendliche Versammlung in meinen Birken zu freuen.

Für die Stimme der Elster führt Krauss acht Bezeichnungen auf, darunter zetschen, gecken, schättern und tschadern. Leider passt keine so richtig auf die Laute, die meine Elstern von sich geben.

Aber das macht nichts. Sprache ist ja wandelbar, und so bedauerlich es ist, dass manche Wörter in der Versenkung verschwinden – es werden, bei Bedarf, auch immer wieder neue geprägt. Es spricht, finde ich, nichts dagegen, das Handwörterbuch der Vogellaute um ein paar moderne Ausdrücke zu bereichern – Beobachter, Naturkundler und Literaten früherer Jahrhunderte haben schließlich auch einfach aufgeschrieben, was ihnen beim Zuhören durch den Kopf ging.

Ich schlage vor, in die nächste Auflage von "Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?" die Verben Schnicken und Schnuckseln aufzunehmen. Nur für diesen Glissando-Laut, den die Elstern hervorbringen, ist mir noch nichts Passendes eingefallen.

Peter Krauss, Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? Handwörterbuch der Vogellaute, Verlag Matthes & Seitz, ISBN: 978-3-95757-393-3, Preis € 25.-