Besuch bei Professor Splash

Der Deutsche Museumsbund setzt auf Digitalisierung

Von Carmela Thiele

15. Mai 2017

Smartphone-Fasten gilt als cool, viele sehnen sich nach Entschleunigung, Kinder sollen nicht am Laptop, sondern ein Instrument spielen, damit die Hirnhälften sich besser vernetzen. Da wirkt es beinahe anachronistisch, wenn die Museen ihre Zukunft in der digitalen Aufrüstung sehen. Die Medienkunst hat ihre besten Zeiten hinter sich, avancierte Virtual-Reality-Projekte sind Sache von Spezialisten im Silicon-Valley, und dass sich der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon im Wahlkampf per Hologramm vervielfältigte, hat ihm auch nicht zur französischen Präsidentschaft verholfen. Vernetzung statt Kontemplation, twittern statt schreiben, klicken statt zeichnen. Wer will das eigentlich, und wozu ist das gut?

Eine neue Generation von Bloggern und Museumsmitarbeitern hat sich auf Twitter zu einer gut vernetzten Community formiert und fordert mehr digitale Museumsaktivitäten. „Jetzt sind die Jungen dran: Ideen Slam. Junge Museumskollegen setzen Impulse für das #Museum der Zukunft“, twitterte Marisa Schiele @museumswissen noch bevor der Programmpunkt begonnen hatte. Die Würzburger Master-Studentin war eine von rund 300 TeilnehmerInnen, die an der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes in Berlin teilnahmen. Der Tagungstitel „digital. ökonomisch. relevant. Museen verändern sich“ signalisiert, dass der Verband nach vorne schaut.

Vielfalt der Museen

Ein großes Problem des Museumsbundes ist die Vielfalt der 6710 Museen in Deutschland. Nicht alles passt für alle. Die Kunstmuseen machen nur knapp 10 Prozent aus. Im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek saßen Vertreter von Geschichts- und Technikmuseen, von kulturhistorischen und naturhistorischen Sammlungen, von Freilicht- und Schlossmuseen oder der zahlreichen Spezialmuseen wie das Richard-Wagner-Museum in Bayreuth oder das Uhrenmuseum in Furtwangen.

Aber alle Museen werden derzeit von der Politik in die Pflicht genommen. Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bescheinigte den Museen in seinem Grußwort, dass sie „eine zentrale Bedeutung“ für Deutschland hätten. Sie sollen jedoch nicht mehr nur sammeln, bewahren, ausstellen und vermitteln, sondern – O-Ton Parzinger – interkulturelle Bildung leisten und den digitalen Umbruch der Gesellschaft für die Besucherbindung nutzen. Im Deutschen Historischen Museum erklärten jetzt schon vom Bürgerkrieg geflohene Syrer koreanischen Touristen das Phänomen der Trümmerfrauen, wie Parzinger beispielhaft hervorhob.

Let me entertain you - Graphic Reporting von Gabriele Schlipf.
Volontäre von der DASA intergierten Games in ihre Ausstellung "Wie geht's"
Julia Weinhold stellt Crowdsourcing vor

Auf der Tagung wurden einige neue Ansätze für interkulturelle und digitale Museumsarbeit vorgestellt. Peter Skogh vom Teknisa Museet in Stockholm berichtete von seiner Ausstellung I’m alive, die anhand von Smartphone-Daten von der Flucht ihrer Besitzer erzählt. Mini-Rechner und Internet haben den Zugang zu aktuellen Informationen von fast jedem Ort der Welt ermöglicht. Die Smartphone-Fotos dokumentieren, unter welchen Bedingungen die Menschen über die Balkan-Route oder das Mittelmeer reisen mussten. Doch sind politisch engagierte Projekte wie dieses, das auch eine sinnvolle Form der Partizipation vorführt, nicht ohne Gegenwind zu haben. Regelmäßig würden die Bilder der Ausstellung von Besuchern bespuckt, sagte Skogh. Auf die Publikumsfrage, wie er damit umgehe, sagte Museumsdirektor: „Wir machen einfach nur sauber.“ Aufgreifen wolle er diese Vorfälle nicht, das sei nur Wasser auf die Mühlen jener, die Angst vor dem Fremden hätten.

Maritimer Playground

Podiumsgast Frits Loomeijer vom Rotterdamer Maritime Museum bietet mit seinem Team keine Extra-Programme mehr an für die über hundert Nationalitäten, die in der riesigen Hafenstadt leben. Das Seefahrt-Museum mit Außenareal setzt in Sachen Integration auf die Kinder. Die seien in allen Ländern gleich, sagte er. Der maritime Playground namens Professor Splash zieht wegen seines Spaßfaktors Familien an, doch lernen die 4 bis 10jährigen auch etwas über die Seefahrt. Solche Erfolgsmodelle setzen potente Geldgeber voraus. Die Liste der Unternehmen, die das Maritime Museum unterstützen und aufwendige Formate wie die virtuelle Offshore-Plattform ermöglichen, ist lang. Ob sich daraus nicht thematische Einschränkungen ergäben? Nein, so der Museumschef. Man könne mit den Partnern über alles reden, was allerdings Zeit koste. Das Maritime Museum mache Ausstellungen über Migration, Sex, über alles. „Wir sind keine PR-Agentur. Wir haben das positive Image des Museums, die brauchen uns.“

Das Teknisa Museet wie das Maritime Museum richten ihre Programme nach den Befindlichkeiten ihrer Besucher aus. Digitalisierung und neue Medien sind Teil der Ausstellungen, sie dienen nicht nur der PR. Für kulturhistorische Sammlungen und Kunstmuseen ist ein freier Umgang mit Bilddaten aufgrund des Urheberrechts schwerer. Antje Schmidt, Leiterin der Digitalen Inventarisierung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, plädierte dennoch für open access, das Teilen der lange streng gehüteten Bilddaten mit der Öffentlichkeit – und für mehr Experimentierfreudigkeit. Man brauche keine 5 Millionen Euro für eine digitale Strategie, eine Summe, die das Frankfurter Städelmuseum für sein umfangreiches Internet-Programm ausgegeben hat, sagte Schmidt. Wichtig sei, Sachen auszuprobieren und dabei zu lernen. Daniele Turini, eCulture-Leiter vom Basler Museum für Geschichte zeigte sich in diesem Punkt skeptisch. Facebook, Instagram und Twitter seien „keine Wunderwaffen“. Die über die Sozialen Medien gestarteten Aktionen müssten genau abgestimmt sein auf das Thema und die Bedürfnisse einer fest umrissenen Gruppe. Er erwähnte die für September in Basel geplante Ausstellung Aufgetaucht, für die Bürger und BürgerInnen unter dem Hashtag #Rheingeworfen in einem Gewässer gefundene Objekte vorschlagen können.

Ein Mann hält auf einem Podium einen Vortrag, im Hintergrund ist eine große Leinwand zu sehen.
Volker Rodekamp plädiert für einen differenzierteren Relevanzbegriff.

Solchen Ausstellungsprojekten wird schon im Vorfeld Relevanz zugestanden, denn sie wenden sich direkt an das Publikum. Sie rufen jedoch auch Kritiker auf den Plan. Volker Rodekamp, ehemaliger Präsident des Deutschen Museumsbundes und aktueller Geschäftsführer der Stiftung Völkerschlachtdenkmal Leipzig, wagte als einziger Teilnehmer der Tagung, dem Umbau der Museen in Service-Einrichtungen etwas entgegenzusetzen. Das sei doch eine verengte Perspektive von Relevanz, wo blieben die Gegenentwürfe zum Mainstream, die Diversität? Für den Niederländer Loomeijer klang das nach einer Position aus den 1970er-Jahren, ein Niederländer der jüngeren Generation jedoch, Gerben N. Bergstra, plädierte für eine „eigensinnige Haltung“ der Museen. Der Ausstellungsentwickler am Universum Science Center Bremen warnte vor einer Überanstrengung der Museen, mahnte eine Besinnung der Häuser auf ihre lokalen Eigenheiten an. Statt von Relevanz sprach er mit Blick auf das gleichnamige Buch des Soziologen Hartmut Rosa lieber von Resonanz, und die könne vielfältig sein.

Bürger-Wissenschaftler gefragt

Der Ausbau der digitalen Bereiche von Museen wird dennoch nicht mehr zu stoppen sein. Als die Museologin Julia Weinhold während des Ideen-Slams erklärte, worum es bei Crowdsourcing geht, mussten die Vorteile selbst Innovationsskeptikern klar werden. Den Museen stehen immer mehr digitale Werkzeuge zur Verfügung, die ihre Forschung voranbringen können. Old Weather etwa ist ein Citizen Science-Projekt, organisiert vom National Maritime Museum Greenwich/London. Es geht darum, die Daten von Logbüchern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert auszuwerten. Computer könnten das nicht, Laienwissenschaftler schon. Weinhold nannte noch andere Beispiele wie HEIR Oxford, ein Tagging-Projekt, bei dem mit Hilfe von freiwilligen Helfern alte Aufnahmen archäologischer Stätten lokalisiert werden. In Deutschland ist nur Artigo mit den britischen Programmen vergleichbar. Die Mitspieler beschreiben assoziativ Kunstwerke. Je schneller, desto besser. Highscorern winkt eine Belohnung. 10 Millionen Annotationen seien auf diese Weise erstellt worden, sagte Artigo-Erfinder Hubertus Kohle. Der Kunsthistoriker warnte jedoch davor, digitale Anwendungen in Kunstausstellungen zu integrieren. Das bewegte Bild sei für den Besucher immer attraktiver als ein Gemälde. Auch das Frankfurter Städelmuseum trennt zwischen realem und digitalem Museum.

Gamification scheint das Stichwort der Stunde zu sein. Doch sind schlüssige digitale Projekte nicht zum Nulltarif zu haben. Dabei können in Nordrhein-Westfalen Leiter von Landessammlungen froh sein, wenn die Politik keine Werke aus ihrem Besitz verscherbelt. Andernorts hat sich das Sammeln, eine der Grundsäulen musealer Aufgaben, mangels Etat von allein verflüchtigt, ganz zu schweigen von der Frage, wer die jungen Museologen bezahlt, die mit dem entsprechenden mindset an die digitale Museumsarbeit herangehen sollen. Vielleicht ist es dann gut, wenn einige noch zeichnen können wie Gabriele Schlipf, die die Tagung des Museumsbundes per Graphic Reporting begleitete.