Im Museum arbeiten und gleichzeitig promovieren

Das Ausbildungsmodell PriMus verbindet vorbildlich Theorie und Praxis. Von Carmela Thiele

Olaf Malzahn

8. Mai 2017

Der Zauberberg entzaubert? Die Literaten-Familie Mann als Marke? Ira Klinkenbusch will die publizistischen, politischen und privaten Vernetzungen von Thomas und Heinrich, Erika, Klaus und Golo Mann transparent machen. Die junge Literatur- und Kulturwissenschaftlerin spricht von Repräsentationsstrategien und Inszenierungspraktiken. In ihrer Dissertation wird sie untersuchen, wie die Manns das Bild der politisch aktiven Intellektuellenfamilie in der Öffentlichkeit etablieren konnten. Das Thema hat die 27-Jährige zusammen mit dem Buddenbrookhaus in Lübeck, auch "Thomas und Heinrich Mann-Zentrum" genannt, entwickelt. Sie kann sicher sein, dass ihre Doktorarbeit nicht im Regal verstauben wird, sondern in einer ausführlichen Ausstellung mit der entsprechenden Resonanz mündet. Darüber wird sich wiederum das kleine, aber feine Literaturmuseum an der Ostsee freuen.

Klinkenbusch ist eine von sechs Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern, die für das Forschungsprojekt "Promovieren im Museum" (PriMus) an der Leuphana Universität in Lüneburg ausgesucht wurden. Das Museumsvolontariat wird dabei verknüpft mit einem Forschungsauftrag, der von der Universität und dem Museum begleitet wird. Es ist eine Form der dualen Ausbildung, wie es sie in anderen Bereichen schon gibt. Das Programm validiere dieses Ausbildungsmodell, sagt Beate Söntgen, Professorin für Kunstgeschichte über PriMus, weist also wissenschaftlich nach, dass es die gewünschten Ergebnisse bringt. Söntgen hat das Projekt gemeinsam mit ihrer Leuphana-Kollegin, der Professorin für Zeitgenössische Kunst Susanne Leeb ins Leben gerufen.

Wer bislang ein Volontariat im Museum anstrebte, hatte ohne Doktortitel meist keine Chance. Gleichzeitig sind die Ansprüche an die Promotionen in den Geisteswissenschaften mitunter außergewöhnlich hoch. Vielleicht haben sich Fächer wie Kunstgeschichte oder Kunstwissenschaft gerade aufgrund der unterbrochenen Verbindung von Theorie und Praxis zu extrem theoretischen Unterfangen entwickelt, während Museumskuratoren neben Sonderausstellungen und der Erforschung ihres Bestandes kaum Zeit aufbringen, sich mit neuen Ansätzen ihrer Disziplin auseinanderzusetzen.

Duale Ausbildung für Geisteswissenschaftler

Vor rund zweieinhalb Jahren begannen Söntgen und Leeb über das Konzept nachzudenken. "Bei den Museen sind wir mit unserer Idee gleich auf Begeisterung und Zustimmung gestoßen", sagt Söntgen. Von Museen im In- und Ausland erhielten sie für ihren Antrag zahlreiche Stellungnahmen, die zeigten, wie groß der Bedarf ist. Es seien andere, praktische Hürden wie Versicherungs- und Finanzierungsfragen gewesen, die sich dem Projekt zeitweise entgegenstellten. Es gelang der Leuphana-Vizepräsidentin für Forschung und Humanities mit ihrer Idee in das Förderprogramm "VIP+" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) aufgenommen zu werden und damit eine komfortable Grundlage für das auf drei Jahre angelegte Projekt zu schaffen. VIP+ soll technologische und gesellschaftliche Innovationspotenziale erschließen, also Forschungsergebnisse in der Praxis erproben. Erst seit kurzem ist dieses Programm auch für die Geisteswissenschaften offen.

Zwei Frauen mittleren Alters lächeln in die Kamera.
Die Initiatorinnen von PriMus, Susanne Leeb und Beate Söntgen.
PR

Ein Budget von 1,3 Millionen Euro ermöglicht nun jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Ira Klinkenbusch eine optimale Ausbildung. Ihre Arbeit im Museum und an der Leuphana wird eng begleitet, sie sind finanziell abgesichert und sie können an einer Fülle museologischer Workshops teilnehmen, deren Themen sie sogar selbst vorschlagen dürfen. Kein Wunder, dass bei der Vorstellung des Programms auf der jährlichen Volontärstagung mit Neid auf das Ausbildungsmodell geschielt wurde, wie Nina Samuel berichtet. Die Post-Doktorandin koordiniert den Ablauf von PriMus und verfasst auch das Handbuch, das die Grundzüge des Modells für Nachahmer festhalten soll. 

Wenn Promotionsstudenten, die bereits über eine Förderung verfügten, Interesse an dem Modell haben, sei es übrigens auch jetzt noch möglich, bei PriMus einzusteigen, sagt Beate Söntgen. Auch könnten die Länder in ihren Museen solche Strukturen einführen, selbst eine punktuelle Zusammenarbeit zwischen Museen und Universitäten hält sie für denkbar. Die Realität sieht bisher jedoch anders aus. Wer ein Volontariat im Museum ergattert hat, muss seine Leistung komplett in den Dienst der konkreten Museumsarbeit stellen und darf froh sein, voll in den Arbeitsalltag integriert zu werden. An Forschung ist da meist nicht mehr zu denken.

Kluft zwischen Museum und Universität

Dieses Dilemma, die Kluft zwischen Museum und Universität, ist für Insider schon seit Jahren ein Thema. Bereits 2007 hat das BMBF mit der Initiative Übersetzungsfunktion der Geisteswissenschaften versucht, die Vernetzung beider Bereiche zu stärken. PriMus macht nun erstmals einen Vorstoß, wie eine Reform des Museumsvolontariats konkret aussehen könnte. Söntgen betont, dass es dabei um einen Austausch auf Augenhöhe gehe. Genaue Kenntnis der Sammlung, museumspraktische Fragen und kennerschaftliche Aspekte flössen so in die Ausarbeitung der Promotionen im Rahmen von PriMus ein. Eine wichtige Rolle spiele zudem das gemeinsame, spartenübergreifende Nachdenken über Fragen des Ausstellens von ganz unterschiedlichen Objekten und Materialien, die zu einer überzeugenden Erzählung, einem schlüssigen Argument im Raum arrangiert werden müssten. Hier brächten die unterschiedlichen Museen je eigene, wertvolle Erfahrungen ein.

 Von außen betrachtet sieht es fast so aus, als ob insbesondere die Kunstmuseen das museologische Update dringend nötig haben. PriMus, erdacht von zwei Kunstwissenschaftlerinnen, ist offenbar auch deshalb interdisziplinär angelegt, weil kulturhistorische Museen bereits experimenteller mit der Frage umgehen, was ein visuelles Argument sei, wie Thesen in einer Ausstellung versinnbildlicht werden könnten. Deshalb wurden Absolventen aus der Kunstgeschichte, den Literaturwissenschaften, aber auch der Ethnologie und den Geschichtswissenschaften für den Probelauf ausgesucht. Sie sollen voneinander lernen.

Wenn über das Leuphana-Projekt hinaus in Zukunft zumindest Grundzüge des Ausbildungsmodells realisiert werden, könnte das den Museen regelmäßig in Gestalt der Promovierenden frischen Wind bringen und interne Debatten anstoßen. Für junge Wissenschaftler wie Ira Klinkenbusch ist PriMus ideal. Bereits als Studentin absolvierte sie in dem für seine innovativen Ausstellungsprogramme bekannten Deutschen Hygiene-Museum in Dresden ein Praktikum, jobbte im Berliner Museum des Ortes am Humboldt-Forum und richtete im Erika-Fuchs-Haus, dem Museum für Comic und Sprachkunst in Schwarzenbach a. d. Saale, einen Teil einer Ausstellung ein. Alles lief auf eine Anstellung an einem Literaturmuseum hinaus. In Lübeck durfte sie gleich zu Beginn eine kleine Ausstellung mit Zeichnungen konzipieren und realisieren.

Das Modell ist nicht nur fachlich hervorragend durchdacht, es ist auch ein mutiger Vorstoß. PriMus ignoriert Sachzwänge, die dazu geführt haben, dass junge Wissenschaftler im Volontariat als ganz normale Mitarbeiter zu funktionieren haben. Dies zu ändern, kann für Museen ein echter Gewinn sein. Wer den Input der Volontäre und Praktikanten schätzt, wird neue Besuchergruppen gewinnen und nicht so leicht vom gesellschaftlichen Wandel abgekoppelt.

Titelfoto: Ira Klinkenbusch ist den PR-Strategien des Thomas Mann-Clans auf der Spur.

Carmela Thiele ist Kunsthistorikerin und Journalistin. Sie publizierte im Dumont Verlag den "Schnellkurs Skulptur" sowie den "Schnellkurs Zeichnung" und arbeitet für Deutschlandfunk, das Magazin Monopol und die taz.

 Text und Faktenprüfung Carmela Thiele, Redaktion Christian Schwägerl