Eckart Köhne will Museumsbesucher zu Museumsnutzern machen

Sanierung, Digitalisierung, Citizen Science: Alles soll anders werden im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Von Carmela Thiele

Uli Deck

13. April 2017

Neue Museumsbauten taugen aufgrund ihrer meist spektakulären Architektur und den damit verbundenen Wettbewerben ganz prima für eine öffentliche Diskussion. Anders sieht es aus, wenn es um den latenten Strukturwandel in den Museen geht. Dabei ist die Debatte intern bereits voll entbrannt. In wenigen Wochen beginnt unter dem Titel "digital. ökonomisch. relevant. Museen verändern sich!" die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes in Berlin, und es wird sich zeigen, ob es in den Foren um mehr geht, als sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen oder unabänderliche Defizite zu beklagen.

Gewiss ist, dass viele sich dem notwendigen Wandel öffnen wollen, allen voran Eckart Köhne, der Präsident des Museumsbundes. Der Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe will in naher Zukunft Museumsbesucher zu Museumsnutzern machen. Das klingt ambitioniert, aber nahezu utopisch. Kollegen äußern Skepsis nur hinter vorgehaltener Hand. Ein Blick auf die Situation des im Karlsruher Schloss untergebrachten Museums zeigt zudem, welche Hürden sich Köhnes Plänen entgegenstellen.

Ob das Badische Landesmuseum wirklich irgendwann Nutzerausweise ausstellen wird anstatt Eintrittskarten zu verkaufen, kann niemand voraussehen. Aber das Angebot, sich selbst mit den öffentlichen Sammlungen zu beschäftigen, eventuell zu einem Anlass eine eigene kleine Ausstellung zusammenzustellen, kann niemand rundweg als Utopie ablehnen. "Das sind wahrscheinlich Verhaltensweisen, die man lernen muss", sagt Köhne. "Es ist an uns, über Kulturvermittlung Projekte anzustoßen. Dass Schulklassen Ausstellungen kuratieren geschieht schon ab und zu innerhalb von Projekten." 

Anfang 2016 hat er einen Masterplan vorgestellt, mit dem er sein kulturhistorisches Museum komplett modernisieren will. Es ist nicht einfach, dem Museum bei dem heterogenen Sammlungsgemisch ein Profil zu geben. Am bekanntesten sind die Türkenbeute, die hochkarätige Sammlung griechischer Vasen und die umfangreiche Abteilung zur Geschichte Badens. Zum Markenzeichen des Hauses sind bereits unter Köhnes Vorgänger Harald Siebenmorgen die aufwendig inszenierten Sonderschauen zu antiken Kulturen geworden. Die aktuell laufende Ausstellung zu Ramses II. hat bereits 50.000 Besucher angezogen.

Das Karlsruher Schloss von vorne.
Zum 300. Stadtjubiläum wurde die Fassade des Karlsruher Schloss neu gestrichen, innen ist es marode.
Goldschmidt

Kern der Strategie Köhnes ist die sogenannte Expothek, offene Depots in der Schausammlung, aus der Besucher Objekte wählen können, um sie genauer zu betrachten. Dass sich Konservatoren und Restauratoren bei dem Gedanken die Haare raufen, ficht den Direktor nicht an. Es werde wie in einer Bibliothek oder einem Kupferstichkabinett eine Liste geben, auf der steht, was angefasst, was in der Vitrine betrachtet oder gar nicht bewegt werden darf. "In der Albertina kriegen sie die Dürer-Zeichnungen ja auch als Faksimile vorgelegt." 

Das ganze System sei nicht darauf angelegt, die Besucherzahlen exorbitant zu steigern, erklärt der Archäologe. Das sei nicht das Ziel. "Wenn wir größere Besucherzahlen möchten, müssten wir in Sonderausstellungen investieren." Die Schausammlung habe weniger Besucher, aber das sei eine treue Kundschaft. Der Museumsmann stellt sich ein offenes Museum vor, mit dem sich die Bürger der Stadt identifizieren und für das sie sich dann auch einsetzen.

Außerdem gebe es sie ja schon, die Nutzer, wie sie ihm vorschweben: Hobbyhistoriker, die Chroniken schreiben, oder Trachtenvereine, die Kostüme nachschneidern wollen. Es fällt der Begriff Citizen Science, der seit einiger Zeit in Deutschland kursiert. Gemeint ist eine Form der Wissenschaft, bei der Projekte unter Beteiligung oder allein von interessierten Laien durchgeführt werden. Damit so etwas Erfolg habe, müsse allerdings mehr und anders über die umfangreichen Sammlungen informiert werden, räumt Köhne ein. Statt Aufsichten werden Explainer in der Dauerausstellung präsent sein. Das speziell geschulte Personal soll auf die Besucher zugehen und Inhalte vermitteln. "Man muss auch ein ganz neues Betriebskonzept entwickeln", sagt Köhne, "deshalb ist das auch nicht von heute auf morgen machbar."

13.000 Objekte digitalisieren

Eigentlich hätte bereits dieses Frühjahr im Bereich der Ur- und Frühgeschichte ein Probelauf für die neueingerichtete Schausammlung mit Expothek stattfinden sollen – Evaluation inklusive. Der Test musste auf Herbst 2018 verschoben werden, denn zunächst sollen alle 7.000 Exponate der Abteilung digital verfügbar sein. "Man muss sich ein zweites Standbein im Internet verschaffen, um das Museum benutzbar und lebendig zu erhalten", sagt Köhne. In einem nächsten Schritt sind die Stücke der Dauerausstellung dran, das seien dann insgesamt 13.000 Exponate.

Die Digitalisierung ist für viele Museen eine echte Last. "Von unserem Bestand von 500.000 Objekten ist erst ein Drittel digitalisiert. Das ist eine große Klippe, die es zu überwinden gilt." Für dieses Drittel habe das BLM 15 Jahre gebraucht. "Im bisherigen Tempo wird das nichts, da überrollt uns die Digitalisierung aller Lebensbereiche", sagt Köhne. Eine zügige Aufnahme werde aber trotz Förderung nicht erreicht. Es sei ein schleichender Prozess. Das solle jetzt aber kein Totschlagargument sein, um nicht mit neuen Konzepten anzufangen.

Rohrbruch über dem Serverraum

Neben der Digitalisierung hat Köhne aber noch ganz andere Sorgen. Er will das denkmalgeschützte Gebäude aus dem frühen 18. Jahrhundert vor der Neueinrichtung der Abteilungen umfassend sanieren. Das Gebäude wurde zwar vor kurzem neu gestrichen, doch Elektrik und Installationen stammen aus den Fünfzigerjahren. Die Deckenheizung, mit Wasser gefüllte Heizspiralen, seien nicht nur energetisch ein Problem. Es habe schon etliche Rohrbrüche gegeben, einmal stand der Serverraum unter Wasser. Abgesehen davon, gebe es keine Möglichkeit die Ausstellungsräume mit Datenleitungen zu vernetzen. "Das fangen wir jetzt erstmal auf, indem wir WLAN einrichten."

Antike ägyptische Figuren in einem Museum.
Ein Schwerpunkt des BLM liegt bei den Antiken Kulturen.
BLM/ Schönen

Wie bei fast allen älteren Häusern fehlen auch dem BLM eine Klimatisierung der Ausstellungsräume, ausreichende Depots und genügend sanitäre Anlagen. Köhnes Wunschtermin für den Start der Sanierung ist 2019, eine nur halbwegs realistische Einschätzung, denn noch ist sein Projekt nicht in die mittelfristige Finanzplanung des Landes Baden-Württemberg aufgenommen.

Chefs von staatlichen Museen brauchen einen langen Atem, wenn sie in ihren Häusern strukturell etwas ändern wollen. Diese Aufgabe anzugehen, scheint aber unausweichlich. In der aktuellen Denkschrift "Museen zwischen Qualität und Relevanz" des Instituts für Museumsforschung ist von einem Dritten Museumszeitalter die Rede, das auf die Phase des Museumsbooms und der Blockbuster folge. Die Relevanz der Museen müsse neu bewiesen werden, sagte Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden auf der Abschlussdiskussion des diesjährigen Deutschen Kunsthistorikertages in Dresden. 

In die Zukunft muss man investieren, damit sie eine wird.
 Franz Xaver Kroetz, Schriftsteller und Theaterregisseur