Wer auf "die Zuwendungsgeber" schielt, wird "die Gesellschaft" nicht erreichen

Alle reden vom "March for Science", natürlich auch die Chefs der Wissenschaftsorganisationen. Doch die wichtigste Lektion müssen einige von ihnen noch lernen. Von Jan-Martin Wiarda

Jan-Martin Wiarda

21. April 2017

Die Wissenschaft muss sich stärker der Gesellschaft öffnen, tönt es in diesen Tagen allenthalben. Und es stimmt ja auch: Wenn die Gesellschaft zunehmend Misstrauen gegenüber der Wissenschaft empfindet, kann das nicht nur an der Gesellschaft liegen. Und die Hochschulrektoren und Präsidenten der großen Forschungsorganisation beeilen sich zu versichern: Haben wir doch längst kapiert. In Interviews rechnen sie dann vor, wie sich ihre Kommunikationsabteilungen vergrößert haben in den vergangenen Jahren, sie holen stolz die Hochglanzmagazine hervor und berichten beseelt von Science Slams und Bürgerworkshops. Das Problem, sagen die Chefs dann nicht mehr ganz so öffentlich, sei der immer noch beachtliche Anteil zumeist älterer Wissenschaftler, die sich einfach nicht aus ihrem Elfenbeinturm zerren ließen.

Das Problem ist, dass die Rektoren und Präsidenten, die so argumentieren, komplett daneben liegen. Die Kommunikationsabteilungen sind enorm gewachsen, das stimmt. Doch ihr Potenzial, einen echten Ideenaustausch mit der Gesellschaft zu organisieren, bleibt größtenteils ungenutzt. Und das hat nichts mit den Kommunikationsabteilungen zu tun oder mit vermeintlich unkommunikativen Wissenschaftlern. Es liegt an den Chefs selbst.

Der Staat, das sind "die Zuwendungsgeber"

Um das zu verstehen, muss man sich die Finanzierungslogik unseres Wissenschaftssystems vor Augen halten. Griffig lässt es sich über vermeintlich zu hohe private Spenden und zu viele von Unternehmen bezahlte Forschungsprojekte diskutieren, die schnell als Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit interpretiert werden. Dabei gerät jedoch aus dem Blick, dass die Wissenschaftslenker die meiste Zeit auf eine andere Finanzquelle schielen: den Staat. In der Sprache öffentlich finanzierter Institutionen hat sich indes eine andere Bezeichnung eingebürgert. Der Staat, das sind "die Zuwendungsgeber". 

Wobei man naturgemäß mehr an den monetären und weniger an den verbalen Zuwendungen interessiert ist. Und um sich erstere zu sichern, gilt für die Pressestellen und PR-Abteilungen der Wissenschaft ein gelegentlich unausgesprochenes, häufig aber sogar explizit formuliertes Grundgesetz: Die erste, die entscheidende Zielgruppe ihrer Arbeit ist nicht das, was so schwammig wie umfassend mit "allgemeiner Öffentlichkeit" umschrieben wird. Die erste Zielgruppe sind: die Zuwendungsgeber. In den Parlamenten. Vor allem aber in den Ministerien. Die gilt es zu überzeugen, dass das Steuergeld, das sie jedes Jahr überweisen, gut angelegtes Geld ist. Und zwar nicht irgendwo in der Wissenschaft. Sondern hier, in genau dieser und nur in dieser Wissenschaftseinrichtung.

Erst wer sich diese Realität vor Augen hält, für den ergeben all die Artikel in den Wissenschaftsmagazinen und Jahresberichten dieser Universität und jenes Forschungsinstituts plötzlich einen Sinn, in denen komischerweise immer die Wissenschaftler aus dem eigenen Hause faszinierende Erkenntnisse erlangen. Der versteht, warum Pressestellen Mitteilungen versenden über irgendwelche komplizierten Fördermechanismen und deren wohltuende Wirkung, die kein Nicht-Experte "da draußen" auch nur in Ansätzen verstehen kann und die dementsprechend auch keine einzige Zeitung jemals aufnimmt. Und der wundert sich nicht mehr, warum es bei Youtube aufwändig gestaltete Werbespots von Wissenschaftsorganisationen gibt, deren Zuschauerzahl sich im dreistelligen Bereich bewegt.

Guckt mal, was wir alles Tolles machen

Alles, damit die Chefs zu den Zuwendungsgebern gehen und sagen können: Guckt mal, was wir alles Tolles machen. Und das Ganze läuft dann als "Wissenstransfer" oder noch besser: als Öffnung der Wissenschaft hin zur Gesellschaft. Entsprechend können zum Beispiel die Chefs der fünf am Pakt für Forschung und Innovation beteiligten Wissenschaftsorganisationen (jede Jahr garantierte drei Prozent Budgetzuwachs) genau aufzählen, wie bravourös sie das Paktziel "Stärkung des Austauschs der Wissenschaft mit Wirtschaft und Gesellschaft" erfüllen. Sie schreiben es in ihre jährlichen Berichte zum Pakt-Fortschritt und schicken es an: die Zuwendungsgeber. Und kommunizieren derweil munter an der großen Mehrheit der Bürger vorbei.

Strategisch ist das nachvollziehbar. Die erste Loyalität der Rektoren und Präsidenten muss gerade in Zeiten von Wissenschaftspakten und Exzellenzwettbewerben der eigenen Institution gelten, erst die zweite gilt der Wissenschaft insgesamt. Ist damit eine ehrliche Öffnung hin zur Gesellschaft von vornherein ausgeschlossen?

Nicht unbedingt. Der wirklicher Austausch mit der Öffentlichkeit, der endgültige Auszug aus der großen Blase, beginnt, wenn zwei Grundregeln der Wissenschaft auch in ihrer Kommunikation beachtet werden. Erstens: Wissenschaft ist grenzenlos, das heißt: Sie macht auch an den Grenzen von Institutionen nicht Halt. Zweitens: Wissenschaft wird von Menschen gemacht. Sie ist dann faszinierend, wenn man von ihren Ideen und Entdeckungsgeschichten erzählt und nicht von Fördermechanismen und Strukturen, die sein müssen, die aber nur für Insider von Interesse sind.

Forscher müssen mit den Menschen ins Gespräch kommen

So egal es den meisten Wissenschaftlern ist und sein muss, in welcher Universität und Organisation sie forschen, solange sie forschen können, so egal ist es der Öffentlichkeit, welche Einrichtung hinter einem Forscher steht. Wer Begeisterung für Wissenschaft wecken möchte, muss also die Menschen, die forschen, mit denen ins Gespräch bringen, die sie finanzieren und im besten Fall von ihr profitieren. Nein, nicht mit den Zuwendungsgebern. Sondern mit den Bürgern. Und sie dann auch mitentscheiden lassen. Lektionen, die vor allem die Chefs an der Spitze der Organisationen lernen müssen. Um ihren Kommunikationsabteilungen dann die Freiheit zu lassen, die sie brauchen, um ihre Arbeit zu tun.

Möglicherweise ja mit einem überraschenden Ergebnis. Da auch die Politiker, die "Zuwendungsgeber", Menschen sind, werden auch sie sich von dieser anderen Form der Öffentlichkeitsarbeit viel stärker packen lassen als von einer mitunter mutlosen, phrasenhaften Eigen-PR. Was wiederum die Akzeptanz der Universitäten und Wissenschaftsorganisationen, also der Institutionen, in der Politik genau dadurch erhöht, dass sie das Anpreisen der eigenen Institution nein: nicht unterlassen. Aber auf ein Minimum beschränken.

Der March for Science diese Woche, zu dem selbstverständlich auch alle einflussreichen Rektoren und Präsidenten aufgerufen haben (bitte nicht verwechseln mit den Initiatoren!), ist ein hervorragender Anlass, die Wissenschaftslenker beim Wort zu nehmen: Steckt mehr Geld in institutionenübergreifende Aktionen! Ladet zu euren eigenen Veranstaltungen mehr Forscher anderer Organisationen ein! Lasst eure Forscher den Bürgern (wenn sie denn kommen) nicht so viele Vorträge halten, sondern setzt sie mit den Bürgern an einen Tisch. Habt nicht immer das letzte Wort, sondern lasst all das organisieren von euren Kommunikationsprofis, die sich, auch wenn ihr es manchmal kaum glaubt, besser mit dem Thema auskennen als ihr selbst. Das macht auch den Wissenschaftlern Spaß. Und der Rest ergibt sich dann von ganz allein. 

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