"Ich werde kämpfen"

Personalsorgen bei den Fachhochschulen, Pläne für ein FH-Nachwuchsprogramm und Ideen für die Hochschulfinanzierung: ein Interview mit Bundesbildungsministerin Wanka.

Von Jan-Martin Wiarda

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

09. Februar 2017

Das Milliarden-Nachwuchsprogramm für die Universitäten läuft längst, während das Pendant, das den Fachhochschulen versprochen wurde, bislang nicht mal auf dem Papier steht. Gehen die Fachhochschulen wieder leer aus?

Es stimmt nicht, dass die Fachhochschulen nichts erhalten haben. Die Bundesregierung hat, teilweise zusammen mit den Ländern, eine Reihe bemerkenswerter Initiativen auf den Weg gebracht, von FH-Impuls über die Lernlabore Cybersicherheit bis zum Wettbewerb „Innovative Hochschule“, von dem die Fachhochschulen besonders profitieren. Was richtig ist: Das Tenure-Track-Programm für Universitäten haben wir schneller starten können, weil die Empfehlungen des Wissenschaftsrats (WR) zu Karrierezielen und ‑wegen an Universitäten bereits vorlagen, während wir bei den Fachhochschulen die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Personalgewinnung und -entwicklung abwarten wollten.

Bei den Fachhochschulen kommt an, dass sie mal wieder zweite Geige spielen.

Das sehe ich anders. Die Fachhochschulen haben eine zentrale Position für Deutschlands Innovationskraft, was Sie schon daran ablesen können, dass sie mehr als die Hälfte der Ingenieure ausbilden. Genau das ist aber auch der Grund, warum wir uns genau überlegen müssen, wie wir ein neues Programm aufsetzen. Es muss zu den Fachhochschulen passen. Und auch wenn das Ziel das gleiche ist – neue Karrierewege zur Professur erproben und etablieren, die Personalstrategien stärken – es wird ganz anders aussehen als an den Universitäten.

Was heißt das konkret?

An den Universitäten arbeiten wir mit einem Modell für alle: Tenure Track, der transparente und rechtssichere Weg in eine Professur hinein. Mein Angebot an die Länder in Bezug auf die Fachhochschulen lautet anders: Lasst uns die WR-Empfehlungen nehmen und aus den vorgeschlagenen Maßnahmen einen Instrumentenkasten entwickeln. Also nicht das eine Modell für alle, sondern durchaus Vielfalt mit einer gewissen Offenheit für neue Ideen. Und die Fachhochschulen entscheiden selbst, welche Instrumente besonders gut zu ihnen und ihrem jeweiligem Fächerspektrum passen.

Von welchen „Instrumenten“ sprechen Sie?

Der WR beschreibt sie in erfreulicher Klarheit. Lassen Sie mich mal zwei herausgreifen. Zum einen die Schwerpunktprofessuren, also die Möglichkeit, befristet und leistungsorientiert ein verringertes Lehrdeputat zu erhalten. Etwa um mehr Zeit für die Forschung zu haben, um Lehrinnovationen zu entwickeln oder um neue Kooperationen mit der Wirtschaft aufzubauen. Das zweite Beispiel: Will eine Fachhochschule Spitzenkräfte aus der Wirtschaft rekrutieren, die unsicher sind, ob eine Karriere als Professor für sie in Frage kommt, könnte sie ihnen eine Teilzeitprofessur anbieten mit der Option, später auf Vollzeit zu gehen. Es könnten aber auch Personen gewonnen werden, die nach ihrer Promotion zwar in die Wirtschaft gegangen sind, aber noch nicht genügend Berufspraxis für eine Fachhochschulprofessur nachweisen können. Diese Personen können mit einem Teil ihrer Arbeitszeit in Aufgaben von Fachhochschulen eingebunden und später für eine Professur gewonnen werden. Der Wissenschaftsrat hat dies „Tandem-Programm“ genannt. Voraussetzung ist immer, dass die Fachhochschule in ihrem Antrag überzeugend darlegt, warum ein solches Instrument besonders gut zu ihr passt und welche Gesamtstrategie sie damit verbindet.

Und was ist, wenn sie eine Idee hat, die in Ihrem Instrumentenkasten nicht vorkommt?

Wir werden das mit den Ländern besprechen, aber ich könnte mir vorstellen, in einer Ausschreibung eine Fördermöglichkeit für besondere Ideen zu öffnen. Das ist ja das Reizvolle an einem solchen Wettbewerb: Wir wollen die Kreativität der Fachhochschulen fördern, neue Wege der Personalgewinnung zu gehen. Wir wollen vor allem die Fachhochschulen ermutigen, strategischer zu agieren als bislang, auch mit Partnern außerhalb der Fachhochschule.

Klingt so, als wären Sie beim Tenure-Track-Programm, das ebenfalls Personalentwicklungsstrategien fordert, erst richtig auf den Geschmack gekommen.

In der Tat ist das extrem spannend. Das Ziel mag ähnlich klingen, aber Ausgangslage und Bedarfe sind jeweils andere. Die Fachhochschulen müssen sich fragen: Was ist ihr Konzept, was ist die zugrundeliegende Philosophie? Wenn wir ehrlich sind, ist die Strategieentwicklung an den Fachhochschulen insgesamt noch nicht so ausgeprägt wie an den Universitäten, bei denen durch die Exzellenzinitiative viel in Bewegung gekommen ist.

Ist das der Grund, warum viele Fachhochschulen Probleme haben, ihre Professorenstellen zu besetzen? Weil sie keinen Plan haben?

Nein, die Ursachen sind andere. Für die Fachhochschulen ist es schwierig, die besten Leute zu gewinnen, wenn gleichzeitig die Wirtschaft boomt und die Unternehmen attraktivere Gehälter zahlen. Da reicht es nicht, an die intrinsische Motivation zu appellieren oder auf die besonderen Freuden hinzuweisen, mit jungen Leuten arbeiten zu können. Genau deshalb ist es so zentral, dass eine Hochschule klar signalisiert, wofür sie inhaltlich steht und welche Entwicklungsperspektiven sie ihren Professoren bietet. Und dafür brauchen Fachhochschulen ein strategisches Konzept, dass gezielt auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ich könnte mir vorstellen, dass wir genau dabei helfen können.

Während Sie auf die Bedeutung der Antragskonzepte schwören, wollen einige Länder beim Tenure-Track-Programm die Mittel am liebsten proportional an alle Universitäten weitergeben, nach dem Motto: Wenn eure Strategie in der ersten Antragsrunde durchfällt, müsst ihr eben nachbessern, bis es passt.

Das widerspräche der Philosophie des Wettbewerbs. Es geht um eine Verteilung der Stellen auf die, die damit am besten umgehen und am meisten mit dem Geld erreichen, und das erwarten wir auch von den Ländern.

Können die Fachhochschulen in ihren Konzepten auch die Förderung des Mittelbaus berücksichtigen?

Nein. Auch im Tenure Track-Programm werden nur Professuren gefördert, kein Mittelbau.

Dabei beklagen viele Fachhochschulen, genau dort hätten sie den größten Mangel, auch deshalb seien viele Professorenstellen so unattraktiv.

Das ist mir bewusst, und ich nehme solche Berichte ernst. Allerdings ist das die Zuständigkeit der Länder und muss es bleiben.

 Eine Aussage, die dem Mangel der Fachhochschulen nicht abhelfen wird.

Allein mit der Förderung des Mittelbaus lassen sich eben gerade nicht die Probleme bei der Besetzung von Professuren aller Fachhochschulen beheben! Das bestätigt der Wissenschaftsrat. Ich möchte an dieser Stelle auch die Fachhochschulen selbst in die Pflicht nehmen. Es gibt ja nicht nur die Bund-Länder-Programme. Es gibt zum Beispiel auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit ihren Fördertöpfen.

Von denen die Fachhochschulen sagen, die DFG lasse sie nicht ran.

Wenn ich mir anschaue, dass der Anteil der DFG-Mittel, die an die Fachhochschulen geht, im Promillebereich liegt, kann ich den Frust sogar verstehen. Andererseits hat sich die DFG, auch auf meine Bitte hin, ein Stück weit geöffnet. Die Fachhochschulen müssen sich die Anträge jetzt auch zutrauen. Worin ich mit DFG-Präsident Peter Strohschneider übrigens komplett einig bin: Ein Extra-DFG-Programm für Fachhochschulen, so eine Art Nische, wird es nicht geben.

Zurück zu Ihrem aktuellen Vorschlag. Sie reden von einem Wettbewerb, genauso wie beim Tenure-Track-Programm. Wird auch das Volumen ähnlich?

Dazu kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Die nötige Bund-Länder-Vereinbarung wird mit Sicherheit nicht mehr vor der Bundestagswahl abgeschlossen werden.

Und die Fachhochschulen werden sagen: Typisch. Für uns ist kein einziger Euro eingeplant, und falls das Programm doch irgendwann kommt, fällt es viel kleiner aus als bei den Universitäten.

Bis zum Sommer möchte ich mit den Ländern im Kern einig sein, damit die Fachhochschulen eine Peilung haben. Ob die Ausschreibung im Frühjahr oder Sommer 2018 folgt, spielt dann keine große Rolle mehr.

Bei dem Programm „Innovative Hochschule“, das viele als Trostpflaster für die Fachhochschulen betrachten, liegt der Faktor bei 1 zu 10 im Verhältnis zum Finanzvolumen der Exzellenzstrategie.

Der Vergleich hinkt, da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Ich stelle mir ein langfristiges Programm vor, denn es muss einen dauerhaften Effekt haben. Von mir aus gern länger als fünf Jahre, doch darüber müssen wir jetzt mit den Ländern reden, denn sie müssen die Nachhaltigkeit sicherstellen.

Apropos Nachhaltigkeit. Kanzlerin Merkel hat jüngst die Wissenschaft darauf eingestimmt, dass sich angesichts der internationalen Krisen der Fokus der Politik verschiebt: in Richtung Verteidigung und innere Sicherheit. Allein für den Verteidigungshaushalt sind mittelfristig 20 Milliarden Euro mehr pro Jahr im Gespräch. Worauf müssen sich die Hochschulen einstellen?

Wir haben auf Bundesebene zwölf Jahre großartiger Zuwächse für Bildung und Forschung hinter uns. Allerdings müssen wir akzeptieren, dass es in anderen Politikfeldern neue Bedarfe gibt, übrigens auch im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, was ausdrücklich sinnvoll ist. Trotzdem glaube ich, dass die Wissenschaft sehr gute Argumente hat, auch künftig angemessen Berücksichtigung zu finden. Wenn wir auch in 10, 15 Jahren noch in der Lage sein wollen, Geld auszugeben, brauchen wir eine starke Wirtschaft, die auf unserer Innovationskraft beruht. Und dafür sind Forschung und Wissenschaft zuständig.

Aber die Zeit der großen Sprünge ist vorbei?

Bildung, Wissenschaft und Forschung haben bei der Bundesregierung seit Jahren eindeutig Priorität. Wir müssen uns weiter anstrengen, das ist wichtig für Deutschland. Um die Mittel dafür werde ich kämpfen.

Jan-Martin Wiarda war acht Jahre Redakteur im Ressort "Chancen" der ZEIT und drei Jahre Kommunikationschef der Helmholtz-Gemeinschaft, dann machte er sich im August 2015 als freier Journalist, Autor und Moderator selbständig. @JMWiarda

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