"Die Hochschulen müssen kreativer werden"

Die Befristungsquote in der Wissenschaft verharrt auf Rekordniveau, so vermeldet es der "Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs". Der Soziologe Karl Ulrich Mayer sagt, woran das liegt – und warum die Lage sich bald bessern könnte. Von Jan-Martin-Wiarda

ESB Professional/ Shutterstock

16. Februar 2017

Der Soziologe Karl Ulrich Mayer leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichtes Wissenschaftlicher Nachwuchs". 

Professor Mayer, bitte helfen Sie mir bei der Suche.

Der Suche wonach?

Nach den positiven Nachrichten im heute veröffentlichten "Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017".

Es gibt ganz viele gute Nachrichten in dem Bericht. Zum Beispiel: Deutschland ist Weltmeister in der Produktion von wissenschaftlichen Höchstqualifikationen. 2015 gab es rund 28.000 abgeschlossene Promotionen. Es ist absehbar, dass es in wenigen Jahren mehr als 35.000 sein werden.

Ist das positiv? Viele sagen, es gebe schon viel zu viel Promovierte.

Dieser Meinung bin ich nicht. Eine Promotion ist hervorragend investierte Lebenszeit – ganz gleich, ob man danach in der Wissenschaft bleibt oder nicht. Ich denke eher, dass etwa die USA ein Problem haben mit gerade einmal 53.000 Promovierten pro Jahr, von denen auch noch die Hälfte aus dem Ausland stammen. Eine weitere gute Nachricht im Bericht ist, dass ein großer Anteil der Nachwuchswissenschaftler ihre Tätigkeit hochattraktiv findet und damit sehr zufrieden ist. Ebenso erfreulich ist, dass sich die Internationalisierung verstärkt: Die Zahl der Ausländer unter den Nachwuchswissenschaftlern hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt.

Die wichtigsten Ergebnisse und Hintergründe des Bundesberichtes finden Sie hier.


Aber die Beschäftigungsbedingungen bleiben mies. Wenn man die Zahlen und Statistiken in der 300-Seiten-Studie durchblättert, denkt man: All die Sonntagsreden, Gesetzesnovellen und Förderprogramme, und trotzdem liegt die Befristungsquote bei unter 45 Jahre alten Wissenschaftlern bei 93 Prozent – auf demselben Level wie 2010 und sieben Prozentpunkte über dem Stand von 2005. Also viel geredet, nichts geschehen?

In der Tat ist die Unsicherheit in den Karrieren von Wissenschaftlern weiter groß. Allerdings stammen die jüngsten Zahlen im Bericht von 2014, und die großen Veränderungen wurden erst danach angestoßen. Eine wesentliche Verbesserung liegt in der Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Das schreibt jetzt klar vor, dass die Dauer der Befristung sich an der Dauer des Qualifikationsprojekts, also in der Regel der Promotion, orientieren muss. Das halte ich für einen großen Fortschritt.

Der auf dem Papier steht. In der Realität ist davon bislang nichts zu spüren.

Das können wir doch noch gar nicht abschätzen, dafür ist viel zu wenig Zeit vergangen. Aber was richtig ist: Der entscheidende Treiber der Befristung sind die weiter steigenden und eben befristeten Drittmittel. In den vergangenen Jahren ist aber selbst bei Stellen, die aus der Grundfinanzierung der Hochschulen gespeist werden, und bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen die Befristungsquote gestiegen. Trotzdem plädiere ich dafür, differenziert auf die Zahlen zu schauen. Dass Promotionsverträge grundsätzlich befristet sind, wird hoffentlich keiner ändern wollen. Logischerweise hat die starke Zunahme bei den Promotionen seit dem Jahr 2000 den Anteil der Befristungen erhöht. Das große Problem bestand bislang darin, dass manche Verträge zu kurz liefen und die Promotionsdauer eben häufig nicht abdeckten. Das ändert sich wie gesagt. Eine weitere gute Nachricht ist, dass der Stipendienanteil bei den Wissenschaftlern gesunken ist und die Zahl der Arbeitsverträge steigt, womit der Missstand abgestellt wird, dass viele Doktoranden nicht sozialversichert waren.

Der Soziologe Karl Ulrich Meyer
Der Soziologe Karl Ulrich Mayer leitet den wissenschaftlichen Beirat des "Bundesberichtes Wissenschaftlicher Nachwuchs".
privat

Wie aber kann es sein, dass selbst bei den grundfinanzierten Stellen 75 Prozent befristet sind?

Das hat ironischerweise auch mit der Jobzufriedenheit der meisten jungen Wissenschaftler zu tun. Sie berichten in den Umfragen von der Erfüllung, die sie in ihrer wissenschaftlichen Arbeit finden. Und weil das so ist, sind sie offenbar bislang bereit, solche Befristungsquoten hinzunehmen. Die gibt es im übrigen auch – wenn auch nicht in dem extremen Maße – bei Tätigkeiten von vergleichbaren Gruppen außerhalb der Hochschule.

Die Hochschulen nutzen ihre Marktmacht aus?

Das hat nichts mit Marktmacht zu tun, sondern die hohe Befristungsquote folgt logisch daraus, dass die einzelnen Professoren und Projektleiter rational mit befristeten Mitteln umgehen.

Also können die Hochschulen gar nicht anders?

Das stimmt auch wiederum nicht ganz. Der Bericht zeigt: Es gibt auch rund 40.000 unbefristete wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen, und sie sind tendenziell im Wissenschaftsmanagement zu verorten und mit Daueraufgaben verbunden. Spekulativ könnte man vermuten: Je näher Mitarbeiterstellen mit der Fakultäts- oder Hochschulleitung verknüpft sind, desto höher ist ihr Entfristungsgrad. Es kommt auch auf die Kreativität der Einrichtungen an.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel aus der Leibniz-Gemeinschaft, die ich als ihr ehemaliger Präsident naturgemäß besonders gut kenne. Da gibt es Institute, die mit Grundmitteln einen Topf füllen, aus dem projektfinanzierte Mitarbeiterstellen abgesichert werden können. So dass Vertragsdauern über das Ende von Projekten hinaus finanziert werden können – zum Beispiel, bis ein neues Projekt startet. Aber natürlich, das sind begrenzte Möglichkeiten. Grundsätzlich wird sich die Situation erst entspannen, wenn der Projektanteil in der Wissenschaftsfinanzierung wieder zurückgeht und der Anteil der Grundfinanzierung ansteigt.

Haben Sie nicht vorhin gesagt, die Befristungen an sich seien gar nicht schlimm? In der Tat könnte man doch sagen: Liebe Leute, habt euch nicht so, dafür habt ihr einen Traumjob.

Vorhin habe ich von Befristungen in der Promotionsphase gesprochen. Die halte ich für gut und richtig, wenn die Vertragsdauer stimmt. Und natürlich hat die künstliche Erhöhung der Promotionsstellen durch die projektbasierten Bund-Länder-Programme dazu geführt, dass ein immer geringerer Anteil von denen, die ihre Promotion erfolgreich abschließen und danach an den Hochschulen bleiben, die Chance auf eine Professur haben. Je nach Studie streben zwischen 20 und 60 Prozent der Postdocs eine Professur an. Da wir bisher keine guten Längsschnittuntersuchungen haben, ist ganz unklar, welcher Anteil der dann schließlich Berufungsfähigen eine Professur bekommen kann. Meine Vermutung liegt bei etwa der Hälfte.

Eine schwer zu ertragende Unsicherheit.

Die sich dramatisch bei der Familiengründung zeigt. Das durchschnittliche Berufungsalter deutscher Professoren liegt bei 42 Jahren. Dadurch, dass sie so lange in der Luft hängen, schieben viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Familiengründung auf – mit dem Ergebnis, dass doppelt so viele von ihnen am Ende kinderlos bleiben wie in der übrigen Bevölkerung und vergleichbar hochqualifizierten Gruppen. Dabei hätten die meisten von ihnen gern Kinder, in Sachen Kinderwunsch unterscheiden sich Wissenschaftler nicht signifikant von anderen Berufsgruppen.

Was folgt daraus?

Auf das ganze Leben betrachtet ist eine Qualifizierung als Wissenschaftler selbst dann eine außerordentlich positive Sache, wenn sie zu einer Tätigkeit außerhalb der Wissenschaft führt. Doch die positive Bilanz verkehrt sich in ihr komplettes Gegenteil, wenn die Phase der Unsicherheit und Orientierung zu lang dauert.

Die Leute brauchen also frühzeitig eine klare Ansage, damit sie das Weite suchen, bevor es zu spät ist?

Ganz klar. Es gibt eine Verantwortung nicht nur auf der Ebene einzelner Professoren und Projektleiter, sondern auf der Ebene der Fachbereiche oder Institutsleitungen, solche Rückmeldungen zu geben, durch Statusgespräche zum Beispiel. Diese Verantwortung wird bislang zu oft nicht wahrgenommen. Ich hoffe, das wird sich durch die zunehmende Einführung von Tenure-Track-Modellen ändern. Dann gibt es festgelegte Laufbahnen, ohne Jobgarantie, aber mit der Garantie der Planbarkeit und Transparenz. Denn spätestens nach der Zwischenevaluation weiß man, ob man im System bleiben kann oder nicht.

Warum sollten sich solche Modelle in der Fläche etablieren?

Weil die Marktmacht in zwei Richtungen geht. Wenn die guten Leute anfangen, sich die Stellen nach dem Vorhandensein von Tenure-Track-Optionen auszusuchen, kommen die Hochschulen in Bewegung. In den nächsten Jahren besteht die größte Herausforderung darin, Tenure Track flächendeckend als den ganz überwiegenden akademischen Karriereweg durchzusetzen.

Lassen Sie uns noch einmal über die Promotionsphase sprechen. Der Bericht stellt fest, dass es keine einheitlichen und verlässlichen Zahlen zum Anteil derjenigen gibt, die in strukturiertem Programmen promovieren, aber mehr als 23 Prozent seien es in keinem Fall. Dennoch haben die internationalen Experten der Imboden-Kommission mit der Begründung, die strukturierte Promotion habe sich etabliert in Deutschland, angeregt, die Förderlinie für Graduiertenschulen in der Exzellenzstrategie zu streichen. Was die Politik auch getan hat. Ein Fehler?

Ich glaube, die Imboden-Kommission lag richtig mit ihrer Einschätzung, dass die organisatorische Verantwortung für die Promotionsphase eine Standardaufgabe der Hochschulen ist und insofern nicht über Projektmittel finanziert werden sollte. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass die Hochschulen nicht das Geld haben, um ihre Aufgabe hier zu erfüllen. Insofern hängen die Graduiertenschulen tatsächlich in der Luft.

An fast allen Universitäten gibt es mittlerweile so genannte Graduiertenschulen als Dach über der Doktorandenausbildung.

Das sind zum Teil doch sehr löchrige Dächer, und sie sind so unterschiedlich konzipiert, dass daraus schon das Fehlen eines verbindlichen Modells deutlich wird. Da muss noch mehr kommen. Andererseits sollte man wissen, dass von 196.000 erfassten Doktoranden 77.000 extern promovieren, viele davon mit einer Tätigkeit außerhalb der Hochschulwelt. Die bekommen Sie nicht in so eine Struktur, und man sollte es auch gar nicht.

Haben wir ein Qualitätsproblem bei der Promotion, wenn die Abbruchquote bei 30 oder sogar 40 Prozent liegt?

Das finde ich nicht. Warum sollte jeder, der eine Doktorarbeit beginnt, Erfolg haben? Eine Dissertation sollte sogar ein riskantes Geschäft sein.

Müssen die Auswahlverfahren verschärft werden?

Nein. Die haben sich längst verbessert. Schon weil es eine europäische Vorgabe gibt, dass alle Promotionsgelegenheiten ausgeschrieben werden müssen.

Womit die externen Doktoranden wiederum nicht erfasst werden. Laut Bundesbericht betreut ein Professor im Schnitt sechs Doktoranden. Zu viel?

In dieser Pauschalität sagt der Wert gar nichts, weil die Realität von Ort zu Ort und Fach zu Fach ganz unterschiedlich aussieht. Das bleibt mein Plädoyer: An einigen Stellen ist Kritik gerechtfertigt, an anderen nicht. Lasst uns genau auf die Zahlen sehen, und vor allem brauchen wir belastbarere Daten als gegenwärtig zur Verfügung stehen.

Autor, Faktencheck & Redaktion: Jan-Martin Wiarda

Jan-Martin Wiarda war acht Jahre Redakteur im Ressort "Chancen" der ZEIT und drei Jahre Kommunikationschef der Helmholtz-Gemeinschaft, dann machte er sich im August 2015 als freier Journalist, Autor und Moderator selbständig.

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